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> Tanz in die Verdammnis
Medivh
Beitrag 30.01.2005 - 23:35
Beitrag #1


Maat
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Achtung: Wer "Der Tanz zum Tod" nocht nicht gespielt hat, sollte hier NICHT weiterlesen!

(Basierend auf den Abenteuerideen von Ali Ben Baba und evtl einiger anderer Kurzabenteuer habe ich eine Kampagne gestartet mit meinen Jungs. Ich führe sie derzeit nur durch die Kurzabenteuer, will aber später in einem größeren Abenteuer landen, mal sehen, hab da schon ein paar Ideen, aber die lesen ja hier mit biggrin.gif )

Tagebuch des Volker von Hildebrand.

Volker von Hildebrand ist der NSC der Bande, meine persönliche Hommage an Volker von Alzey und das Hildebrandslied. Ich probiere gerade aus, wie es auf das Gedächtnis meiner Jungs wirkt, wenn ich ihnen a ) regelmäßig Volkers Tagebuch zwischen den einzelnen Sessions zusende als Gedankenstütze und b ) wenn ich in ein WEP-Vergabesystem stecke, bei dem sie sich selbst gegenseitig (natürlich reguliert) die Erfahrungspunkte geben. Das bedeutet für meine Jungs: aufpassen, was der andere da eigentlich gemacht hat und was nicht....

Was im Namen Halphas habe ich am Herrn verbrochen, um das zu verdienen? Da war ich nun, jüngster Spross aus dem Hause Gundahars von Hildebrand, Herzogs von Brinnenhagen in Tinor, ausgerüstet mit Schwert und Schild und dem Glauben an den Herrn … und ziehe mit flohzerfressenen Söldnern in die Wüste.
Etwas von der Welt wollte ich sehen, doch was hat es mir eingebracht? Ein viel zu hohes Passiergeld an den Grenzen unseres ach so hoch geschätzten Nachbarlandes, Lethon, dem Reich des Sonnenkaisers, hat mich in arge Bedrängnis gebracht. Damit mein treuer Zosse Sindold und nicht vor Hunger umkommen, musste ich niedere Dienste annehmen und stand letztlich sogar in einem Söldnerhaus, um mich auf der Jagd nach einem Verbrecher zusammen mit einigen zweifelhaften Individuen zu verdingen.
Nun ist es bereits einige Tage her, dass wir uns der Karawane nach Eynor angeschlossen haben. Anfangs war ich der einzige, der den Luxus eines Reittieres genießen konnte, doch noch vor unserem Aufbruch kam Vanwahenion, der Waldelf dieser Söldnertruppe, grinsend mit einigen Pferden im Schlepptau. Er behauptete, sie günstig erstanden zu haben. Ich bin gewillt, dies jetzt einmal zu glauben, da es sich um einen Waldelfen handelt, ein Mitglied jener geheimnisvollen Rasse, die sich nicht nur gut mit Tieren versteht, sondern die auch einiges auf alte Werte wie Ehrlichkeit hält. Angeblich. Aber bei den neun Siegeln des Grimorium des Halphas schwöre ich, Diebstahl und Unehrlichkeit hart zu ahnden.
Über die Tage hinweg beobachtete ich meine Begleiter. Ich scheine der einzige von Adelsstand zu sein und zudem der einzige, der das Rittergelübde abgelegt hat.
Da wäre als erstes Vanwahenion, den ich bereits erwähnte. Ein Waldelf, jedoch ohne den typischen Bogen, ohne den man einen Waldelfen niemals antrifft – so sagt man. In weite Gewänder gekleidet erscheint er mir eher wie ein Magier. Vielleicht ein Hexer, den seine Sippe ausgestoßen hat und der das Land nun verheert. Meine Klinge wird ihm den Garaus machen, sobald ich etwas derartiges erkenne.
Dann Aldagrim Torgem, ein Söldner nach Maß. Goldgierig, ehrlos, aber dieser hier ist völlig wahnsinnig. Völlig grundlos fing er an, einen Händler namens Latt Schatu IX. zu prügeln. Gut, der geschwätzige Kerl kann einem bisweilen auf die Nerven gehen, aber ihn deshalb anzugreifen? Ich habe dem Carromer bei meiner Ehre geschworen, ein derartiges Verhalten nicht noch einmal zu tolerieren.
Lucian ist ein zweischläfriger Bursche, anscheinend aus Gorn. Der arme Kerl sieht aus, als wäre er im Wald ausgesetzt worden und sein Schoßtier, ein waschechter Wolf, bestätigt meine Vermutung. Als uns Wüstenräuber angriffen, die uns zahlenmäßig weit überlegen waren, fiel er als erster durch eine Pfeilwunde am Hals, Vanwahenion konnte ihn gerade noch so von der Schwelle des Todes mit seinen Wundscher-Künsten retten.
Zu guter Letzt begleiten und auch noch zwei Frauen, und das gleich zwei Begünstigte Hazels. Die eine, Grimalda, ist eine Hexe, die offenbar eine ähnliche Freude an gefiederten Begleitern hegt wie ich. Sie ist ebenso hübsch wie clever, hat sie jedoch einen gewissen Drang zur Theatralik. Die Amazone Jarvena komplettiert den durchwachsenen Haufen schließlich. Sie ist genau so hübsch wie seltsam, aber meine Beobachtungen sind noch nicht abgeschlossen.

Der Tag war auf jeden Fall ziemlich heiß heute. Als die Karawane durch ein weiteres Dünenmeer zog, die Berge des Wahnsinns südöstlich hinter sich lassend, erschienen zu beiden Seiten des Tales Reiter. Sie waren in schwarze und dunkelviolette Gewänder gehüllt und mit Speer, Krummsäbel und Bogen bewaffnet. Wüstenräuber. Sie hatten den Zeitpunkt exzellent gewählt, von der einen Seite blendete uns die Sonne und von der anderen Seite blies der Wind Sand in die Augen. Sie waren auf jeden Fall mal nicht dumm. Ich schätzte ihre Anzahl auf neunzig, etwas mehr als vierzig pro Talseite.
Sie griffen uns in drei Wellen an. Während die zweite und die dritte Welle schoss, preschten sie in Vierergruppen an den Söldnern vorbei und hieben nach links und rechts. Die Säbelreiter waren dabei jedoch nicht so verheerend wie die Speerreiter. Wir hatten einige Tote zu beklagen. Danach deckte uns die dritte Welle mit Pfeilen ein, während uns die zweite Welle angriff und die erste bereits zu dem hastig zusammengestellten Wagenkreis vordrang. Mit rund dreißig Söldnern war die Verteidigung aussichtslos gegen diese Übermacht.
Ich hörte eine dröhnende Stimme über dem Schlachtfeld, die uns Leib und Leben zusicherte im Austausch gegen die mitgeführten Waren. Leider waren nicht alle der Ansicht und deshalb wurde noch viel Blut vergossen.
Zwei der Angreifer konnte ich kampfunfähig machen, als sich plötzlich etwas abseits eine Wand aus Sand erhob und vier weitere Reiter einhüllte. Ihren Schreien zufolge erging es ihnen nicht sehr gut. Ich kämpfte, wie ich es von dem Waffenmeister meines Vaters gelehrt wurde, jedoch musste auch ich mich der Übermacht der Angreifer beugen und streckte meine Waffen, wollte ich nicht sinnlos sterben. Aus mehreren Wunden blutend und einen Pfeil jeweils in Oberschenkel und meinem Waffenarm kniete ich mich neben einen der Wagen. Meine Begleiter hatten scheinbar weniger Glück. Wie bereits erwähnt, grenzte es nur Dank Vanwahenions schneller Reaktion an ein Wunder, dass Lucian die Schlacht überlebte und auch Jarvena musste behandelt werden. Aldagrim lag von einer Wurfkeule neidergestreckt in meiner Nähe. Möglicherweise war dies der Grund für seinen später folgenden Ausraster.
Nun, ihre Waffen beherrschen meine neuen „Freunde“ ja anscheinend, ob es nun die Magie oder eine gute Klinge sei. Aber wer ist bitte schön so Chuzumwölkt, sich einem Angriff von Kavalleristen in den Weg zu stellen? Selbst wenn es auch nur leichte Reiter wie diese Wüstenräuber sind, nicht schwere Kavallerie wie die Ritter der Weißen Lanze, die im Dienste meines Vaters stehen. Ich habe ja schon einige Angriffe von Kavallerie gesehen, diese verließen sich jedoch eher auf die brutale Gewalt ihres Ansturms. Einen derart organisierten Angriff wie diesen habe ich noch nie gesehen; diese Reiter wussten ihre zahlenmäßige Überlegenheit perfekt auszunutzen.

Nach dem Angriff und etwas Zeit zum Ausruhen entschlossen wir uns dafür, den Räubern in ihren Unterschlupf zu folgen und den Hauptmann gefangen zu nehmen. Da dies der ursprüngliche Auftrag warn, den wir angenommen hatten, fiel uns diese Entscheidung nicht sehr schwer. Wir sind nun bereits einen Tag unterwegs und haben auf die Gebirgskette zugesteuert. Grimalda sandte ihren Falken zum Kundschaften voraus und unterhielt sich anschließend mit ihm. Was für eine Art der Magie ist das?
Jarvena beschloss, auf gut Glück zu den verlassenen Zwergenfestungen zu reisen, die der Falke Grimaldas ausgemacht hatte. Wir werden den Beistand der Götter und alles Glück der Welt brauchen, um dieses verfluchte Gebirge zu durchqueren und auf eine Verbindung zwischen den Ruinen und dem Lager der Räuber zu hoffen.

Der Beitrag wurde von Medivh bearbeitet: 18.05.2006 - 17:51


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Medivh
Beitrag 20.02.2005 - 23:58
Beitrag #2


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Session: Sonntag, 20.02.2005

Ich mache diese Eintragungen und fühle mich bereits fast meines Verstandes beraubt. Ich kann nur hoffen, nicht bei der späteren Lektüre auf Peinlichkeiten zu stoßen, die mir noch Leid tun werden. Die letzte Nacht vor den Bergen war eine Tortur. Andauernd klang von dem noch eine halbe Tagesreise entfernten Gebirge unheiliges Gekreische herüber, seltsames Gestöhne und animalisches Brüllen. Ich konnte ansehen wen ich wollte, niemand hatte in dieser Nacht einen gesunden Schlaf.
Es ging am nächsten Tag damit weiter, dass wir uns im Gebirge verlaufen hatten und den Eingang in das besagte Bergwerk nicht gleich fanden. Wir irrten erst noch stundenlang an den Ausläufern der Berge umher, bis Lucian zufällig auf eine versteckte Rune stieß und uns arglos fragte, ob das hier normal sei. Der Weg war gefunden.
Wir ritten also vorsichtig durch die enge Felspassage und nach einer Weile fanden wir eine Eisenstange, die recht seltsam und völlig ohne Sinn und Zweck aus dem Sand ragte. Es bleibt mir allerdings ein Rätsel, wie man ein ordinäres Stück Gleis so intensiv untersuchen kann wie Aldagrim. Als hätte von denen noch keiner Schienen gesehen, die für gewöhnlich den Ausgang eines Bergwerkes kennzeichnen. Meine Vermutung war korrekt, nach einer Biegung und einigen hundert Metern klaffte auch schon vor uns in der Wand ein großes, schwarzes Loch, in das die Schienen hineinführten. Bemerkenswert fand Vanwahenion jedoch, dass die Schienen in unregelmäßigen Abständen Rost zeigten, an anderen Stellen jedoch wie blank geputzt erschienen. Das Gleiche gilt für die Stützbalken in den ersten paar Metern des Stollens. An vielen Stellen war das Holz so morsch wie nach Jahrzehnten, der gleiche Balken zeigte sich wenige Zentimeter weiter oben oder unten jedoch kraftstrotzend wie gerade erst frisch eingesetzt. Diese Berge sind in der Tat seltsam verdreht.
Nach einigen Metern gelangten wir in dem mittlerweile zweigleisigen Stollen an eine Kreuzung. Ich habe keine Ahnung, was Aldagrim dazu bewogen hat, uns vom Hauptweg in einen engeren Seitengang wegzuführen, aber möglicherweise hat es damit zu tun, dass er beim Eintritt in den Stollen vergessen hat, abzusteigen und deshalb Bekanntschaft mit der Decke gemacht hat. Oder vielleicht war die Sonne einfach zu viel draußen.
Wenig später bewies Aldagrim jedoch ein gewisses Maß an Edelmut, als er alle anwies, zu warten und eine große Kaverne alleine erkundete, um mögliche Gefahren auf sich anstatt auf die Gruppe zu lenken. Wir befanden uns hier in einer großen Halle, viel größer als die ersten, die wir in diesem Seitengang passierten.
Offenbar war dies eine Wohnsiedlung, denn hier waren sehr viele mittlerweile vermoderte Zelte aufgestellt, deren Überhänge teilweise sogar an der über zehn Meter hohen Decke befestigt waren. Auch hier waren wieder einige Zelte vermodert, andere jedoch wie neu. Plötzlich stieg Jarvena, die Amazone, in den Sattel, sagte, dass sie jetzt schneller als Aldagrim die Höhle erkunden wird und preschte mit dem erschrockenen Tier in die Dunkelheit los. Ohne Fackel, ohne Licht, einfach so. Wenig verwunderlich hörten wir kurz darauf einen spitzen Schrei und erschrecktes Wiehern. Während Vanwahenion und Lat-Tschatu ihr hinterherliefen und ich Aldagrim zurück rennen sah, beschloss ich, mit Grimalda und Lucian zuerst die Position zu halten und uns nur langsam dem Geschehen zu nähern. Überall lagen Ersatzteile für die Gleise herum, dicke Holzbohlen und lange Metallstangen und zwischendrin immer wieder verrottete Zelte und irgendwelche vermoderten Knäuel, die entfernt einmal an ein Zelt erinnerten.
Jarvenas Pferd war gegen einen Stapel von Gleisbohlen geprallt und hatte sich die Vorderläufe verstaucht, Jarvena selbst war vom Pferd gestürzt und hatte sich den linken Arm ausgerenkt und den linken Unterschenkel gebrochen. Der geschwätzige Lat-Tschatu erzählte mir später, dass Vanwahenion die Details eines Zaubers verwechselt hatte und anstatt das morsche Holz von Zeltstangen, mit denen er Jarvenas Bein geschient hatte, dauerhaft hart wie Eisen zu machen, wirkte der Zauber nur etwas mehr als zwei Minuten, was eine Verschlimmerung des Bruches nach sich zog.
Lucian und Grimalda fingen Jarvenas Pferd wieder ein und beruhigten es, Aldagrim kehrte nun endgültig von seiner Erkundung zurück und Vanwahenion beendete seine Heilversuche an Jarvena. Alles sah danach aus, dass wir unsere Mission abbrechen müssen, um Jarvenas Bein wenigstens halbwegs zu retten. Betrübt schlugen wir in der Halle unser Lager auf und betteten uns zur Ruhe.
Mitten in der Nacht wurden wir jedoch von lautem Geschrei geweckt, als Vanwahenion, der vorher mit Aldagrim eine große Flasche Wein vernichtet hatte, irgendeine Gestalt anschrie, die sich uns schlurfend mit einer Fackel näherte. Als die Gestalt plötzlich verschwand, machten sich Lucian, Aldagrim und Grimalda auf die Suche. Sie hatten kaum selbst eine Fackel entzündet, als sie erschrocken zurückwichen, da die Person nun bis auf einen halben Meter etwa herangeschlichen war. Lucian blieb als einziger stehen, die anderen beiden sprangen vor Schreck in Deckung. Die Gestalt befragte Lucian nach dem Grund für unsere Anwesenheit hier und versuchte sogar, mit einem plötzlich beschworenen Feuerball ein Geständnis abzupressen. Sogar Lat-Tschatu hatte dabei wenig Glück und erst als er das Gespräch auf Ali Ben Baba lenkte und ihn als Ziel unserer Suche angab, ließ die Gestalt den Feuerball vor der Nase des Händlers verschwinden und mit einem Krachen unser nur noch glühendes Lagerfeuer aufleben.
Die Gestalt setzte sich zu uns und gab sich zu erkennen als Kristina Farga, Ordenskriegerin im Dienste Halphas’. Ich dachte zwar immer, dass Ordenskrieger die Waffe der Anwendung von Magie vorziehen würden, aber anscheinend hat Kristina dieses Prinzip hier in den Bergen des Wahnsinns über den Haufen geworfen. Die etwa Mittdreißigerin erklärte schroff, dass ihre Mission darin besteht, den Priester im Gefolge Ali Ben Babas zu beschatten. Ein Mann namens Dawuhd al Sahiri, laut Kristinas Aussage ein Priester Cäsars, bei dem offensichtlich war, dass er und seine geistige Gesundheit getrennte Wege gehen.
Ich kam nicht umher, die Frau näher zu betrachten. Neben dem für Ordenskrieger typischen Bronzestab und der vor theologischen Symbolen strotzenden Robe trug sie noch ein Zweihandschwert bei sich. Ihre dunkelblonden Haare hatte sie in drei Zöpfen geflochten, von denen einer in der Mitte des Kopfes verlief und die anderen beiden jeweils hinter den Ohren und sich alle drei am Hinterkopf zu einem Zopf vereinten. Für ihre Mitte dreißig bis Anfang vierzig Jahre war sie recht attraktiv, man sah ihr jedoch regelrecht an, dass sie in ihrem Leben viel erlebt hat, vielleicht zu viel. Irgendetwas sollte mir der Name sagen, aber möglicherweise spielt mir mein Verstand in diesen Bergen mehrere Streiche.
Wie dem auch sei, sie versuchte noch, Jarvenas Bein zu richten, was sich nach so vielen Stunden und der Verschlimmerung der Verletzung durch die zerbrochene Beinschiene als schwierig entpuppte. Anschließend erklärte sie uns noch den richtigen Weg durch das Bergwerk, zumindest sofern man „einfach geradeaus“ als Wegbeschreibung gelten lassen kann. Sie weigerte sich jedoch standhaft, uns zu begleiten, was sie mit der Gefährlichkeit des Gebirges für Körper und Geist begründete. Danach verließ sie uns auch schon wieder und kehrte zu ihrem Beobachtungsposten außerhalb der Berge zurück. Ich möchte wirklich einmal wissen, was einem Orden an einem verrückten Cäsar-Priester so wichtig sein kann, dass eine altgediente Ordenskriegerin ihren Posten in der Wüste aufschlagen muss und auf Versorgung durch den Orden angewiesen ist.

Wir setzten unseren Weg also auf dem Hauptpfad weiter, passierten etliche Seitengänge, stolperten über Gleise, ignorierten Aldagrims Gefasel von Fackelzügen und Lucians Gestammel von tierischem Brüllen. Ich war mir jedoch sicher, gesehen zu haben, wie Lucian seinem Wolf Zöpfe geflochten hatte und ihm das Fell kämmte. Vanwahenion behauptete zwar, das stimme nicht, aber ich glaube ihm nicht. Er hat es bestimmt nur übersehen.
Plötzlich sprang Lat-Tschatu vom Pferd – der Stollen ließ das langsame Reiten mittlerweile wieder zu – und lief aufgeregt in einen hell erleuchteten Seitengang, der mir vorher gar nicht aufgefallen war. Er muss wahnsinnig schnell gerannt sein, denn innerhalb weniger Sekunden sah er aus, als wäre er fast fünf Kilometer weit weg. Offenbar lief er auf einen Berg von Gold und Edelsteinen zu. Aldagrim und Lucian wollten ihn zurückholen, doch der Söldner verfiel ebenfalls der Goldgier, während Lucian nur verständnislos zusehen konnte.
Auch Jarvena rannte – so schnell es ihre heilende Beinverletzung eben zuließ – den Gang entlang und faselte etwas von Edelsteinen, mit denen ganze Länder vor Hungersnöten gerettet werden könnten, während Grimalda ihr hinterherlief und einige Amethysten für sich beanspruchte, um sie zu zermahlen und in magischen Ritualen zu verwenden. Vanwahenion versuchte offenbar zu zaubern, fiel aber dann plötzlich ohne weitere Vorwarnung bewusstlos vom Pferd. Ich erinnere mich noch, wie ich Lucian etwas zurufen wollte, als ich jedoch plötzlich den Bart meines treuen Bussards Forbes entdeckte. Ich war mir sicher, dass er vorher noch keinen Bart gehabt hatte. Aber irgendetwas war so interessant daran ….
Ein harter Schlag ins Gesicht holte mich wieder zurück. Lucian tat, was nötig war und brachte alle mehr oder weniger mit harten Argumenten zurück auf den Boden der Tatsachen. Wir zogen ein paar Meter von diesem gefährlichen, nun ruhig und dunkel da liegenden Gang weiter weg und schlugen dort erneut ein Lager auf, Aldagrim etwas Ruhe angeordnet hatte. Vanwahenion rauchte wieder einen seiner besonderen Zigarillos, die sogar Lat-Tschatu tief beeindruckt hatten. Der Elf schwor auf die Kräuter aus Kal’Barna. Warum grinsen eigentlich alle im Moment so hintergründig? Habe ich etwas verpasst?
Forbes’ Bart ist wieder weg. Der Vogel ist völlig unruhig, ich werde versuchen, ihn zu beruhigen. Auch die Pferde werden von Minute zu Minute nervöser. Kein Wunder, in dieser beständigen Dunkelheit, nur erhellt von ein paar Fackeln oder Grimaldas brennendem Besen. Ich bin jetzt noch genervt davon, wie mich Lat-Tschatu und Lucian ausfragten, wie es möglich sei, dass der Besen brenne, aber nicht verbrenne.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es immer kälter wird.

Der Beitrag wurde von Medivh bearbeitet: 21.02.2005 - 00:08


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Medivh
Beitrag 11.03.2005 - 19:28
Beitrag #3


Maat
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Session: Freitag, 11.03.2005

Ich sollte wie so oft mit meinen düsteren Vorahnungen Recht behalten. Nur wenige hundert Meter in der ewigen Dunkelheit später rutschte Aldagrim aus und schlitterte – alle Viere von sich gestreckt – auf dem Rücken über eine Eisfläche. Bei diesen relativ warmen Temperaturen unter Tage Eis? Ich konnte es kaum fassen, doch fast zwei Kilometer später traute ich meinen Augen nicht, als wir nach einer mir endlos erscheinenden Schlitterpartie plötzlich sogar in fast kniehohen Schnee marschierten.
An diesen Bergen ist wirklich nichts normal.
Am Allerwenigsten meine Begleiter, so scheint mir. Deren erste Handlung, als wir in den Schnee eintraten, war der Beginn einer Schneeballschlacht, an der sogar ich zugegebenermaßen Gefallen fand. Es hat richtig Spaß gemacht und erinnerte mich an meine Kindheit. Irgendjemand wirkte in dem Getümmel jedoch noch einen Zauber und plötzlich wurden Jarvena, Aldagrim und Lucian sehr langsam. Vanwahenion, Lat-Tschatu und Grimalda nutzten das aus und bewarfen die drei über und über mit Schnee, so dass sich Jarvena sogar noch zehn Minuten später den Schnee aus der Rüstung schüttelte. Es dauerte noch etwa vier Stunden, dann verließen wir den zugeschneiten Weg, über dessen bloße Existenz ich immer noch nicht so ganz hinweg komme.
Bald darauf kamen wir im anderen Extrem an und passierten eine große Höhle, die taghell erleuchtet war und in der typische Dschungelvegetation zu finden war, wie ich sie von Bord der „Intscho“ betrachten konnte, als wir mit unserem Orden einen Missionar aus Camor retteten. Es war irgendwie gespenstisch, so … unnatürlich. Vanwahenion ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken sondern suchte den Rand des Waldgebietes nach Kräutern ab, während Lat-Tschatu auf eine der ersten Palmen kletterte und ein paar der großen Blätter abbrach. Er behauptete, daraus könne man prima Zigarren rollen. Na wenn er meint.
Lucian pfiff seinen Wolf wieder herbei und wir zogen weiter. Der breite Gang beschrieb eine Biegung, hinter der wir auf einige Leichen trafen, auf deren verwesten Körpern Pflanzen wuchsen. Nun, auf fast allen. Zwei der Personen schienen erst einige Tage tot zu sein, obwohl weit und breit keine Spuren zu sehen waren, die diese Entdeckung unterstützen würden.
Während der Händler Lat-Tschatu die Leichen fledderte, was ich persönlich für pietätlos hielt, pflückte Vanwahenion die Pflanzen, welche Kräuter zu sein schienen, von den toten Körpern. Als wir dann später in einer weiteren großen Höhle ankamen, die von breiten Säulen gestützt wurde, flitzte Lat-Tschatu plötzlich los. In der Mitte der Halle erhellte ein breiter Lichtkegel, der durch die Decke strahlte, einen etwa brusthohen Sockel, auf dem schlicht ein Ring lag.
Vanwahenion und Aldagrim versuchten noch, den Händler aufzuhalten weil die ganze Angelegenheit schwer nach Falle stank, doch der ließ sich nicht beirren und griff sich den Ring, den er direkt in seiner Tasche verschwinden ließ. Ich rollte die Augen, ergriff die Zügel der Pferde, welche die anderen stehen gelassen haben und zog sie mit mir nach vorne.
Eine Stimme aus der Dunkelheit fragte plötzlich, ob wir gekommen wären, um die Pizza zu bringen. Eine hoch gewachsene, weißhaarige Gestalt tauchte aus dem Dunkeln auf und stellte sich uns als General Harras al Benson vor. In einem längeren Gespräch, bei dem der Alte stets auf irgendetwas anderes ablenkte, stellte sich heraus, dass er bereits seit vier Jahren hier unten lebt, seit er von seiner Karawane getrennt und in diese Höhle eingebrochen ist. Der Name ist mir bekannt, vor einhundertdreißig Jahren gab es mal einen großen Feldherrn mit diesem Namen, der jedoch nach seinem vierten erfolglosen Straffeldzug gegen ein mordendes Beduinenvolk in der großen Wüste verschollen war. Sollte die Zeit hier wirklich so dermaßen anders ticken?
Er erzählte uns auch von der Kraft dieses Ringes, der seinem Träger einmal erlauben würde, sich nach Wunsch zu verwandeln, danach aber wieder zwei Wochen lang auf diesem Sockel Kraft schöpfen müsse. Er fragte erneut nach seiner Pizza. Ich dachte dieses Gericht aus Tosyum sei nur Feinschmeckern bekannt. Aldagrim brachte das jedoch auf die Idee, General al Benson zu fragen, wie er denn die letzten vier Jahre hier überlebt hätte.
Wie beiläufig erwähnte er das schwarze Loch in der Höhlenwand, das ihm immer gutes Essen ausspucke, aber nicht in der Lage sei, eine Pizza zu liefern.
Vanwahenion stellte sich vor das Loch und befahl: „Spuck!“ Daraufhin wurde er von einem Schwall aus Rotz und Spucke nach hinten geschleudert, worüber sich natürlich jeder köstlich amüsierte. Auch ich musste lachen, der Anblick von Vanwahenions erstauntem Gesicht war einfach zu köstlich.
Lat-Tschatu nutzte die Gelegenheit und bestellte „sehr viel TG“, woraufhin er von einer großen Wanne beinahe erschlagen wurde, die tatsächlich bis zum Rand mit feinstem tinorischen Gulasch gefüllt war. Ausgehungert ließ ich es mir mit Lucian schmecken, mir verging jedoch der Appetit, als Lucians Wolf ebenfalls aus der Wanne fraß. Natürlich war nun die Freude groß und jeder bestellte bei dem geheimnisvollen Loch in der Wand, was er wollte. Anscheinend ist das Ding jedoch auf Essen und Trinken beschränkt und kann selbst da nicht mehr als bestimmte Mengen herausgeben, beschwerte sich General al Benson doch auch über das Alkohol-Limit. Stolz zeigte er uns jedoch seine umfangreiche Pfeifensammlung. Jedes Mal, wenn er ohne Pfeife bei dem Spender Tabak bestellen würde, bekäme er Tabak und eine immer anders aussehende Pfeife. Offenbar hatte er sich in seiner Langeweile auch mal eine zwanzigjährige Blonde aus Ringar bestellt (in Ringar gibt es meines Wissens keine Menschen mit blonden Haaren), dabei jedoch nur ein klares Bier aus Ringar bekommen. 20 jahre alt, versteht sich. Mich beunruhigte allerdings seine Aussage, dass die Reste, die er nicht mehr packen würde, von den Chimären gefressen würden.
Wir werden die Nacht hier verbringen und morgen weiter reisen. Es waren zwei lange und anstrengende Tage in der Finsternis. Während die anderen ein Lagerfeuer entfachten und es sich mit Bier und Gulasch gut gehen ließen legte ich mich schlafen.


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Medivh
Beitrag 22.05.2005 - 22:31
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Session: Irgendwann März-April

Der Morgen begann mit einem zufriedenen Rülpser von Aldagrim. Herrlich, wie ich hier geweckt werde. Die anderen sammelten bereits Vorräte aus dem schwarzen Loch in der Wand, da General al Benson uns noch eine Reisezeit von etwa drei Wochen unter Tage vorhersagte. Unglaublich, wie sehr die Berge trügen können. Wir versuchten, die Höhle zu verlassen und stießen dabei auf eine Felswand, in die einfach eine Tür eingemeißelt wurde. Nur der Rahmen, kein Schlüsselloch, keine Türklinke, nichts. Es dauerte fast zwei Stunden, bis wir die Lösung hatten. Jarvena ging zurück zum schwarzen Essensspender und forderte den Schlüssel, bekam aber nur Hammer und Meißel. Wenig später hämmerte Lat-Tschatu eine Klinke in den Felsen und öffnete problemlos die Tür.
Soso, noch drei Wochen Reise? Wir standen mitten in Ali Ben Babas Vorratskammer. Ich stelle sicher, dass wir die Pferde hier ließen, wir konnten sie unmöglich mit durch die komplette Beduinenfestung mitnehmen ehe wir wissen, was hier überhaupt los ist. Gleich rechts neben der Vorratskammer lag die Waffenkammer, in der auch die Beutestücke aufbewahrt wurden. Alles aus dem jüngsten Karawanenüberfall war vorhanden und Lat-Tschatu suchte natürlich direkt sein Hab und Gut heraus. Der Gang, an den die Waffenkammer grenzte, führte direkt ins Freie, doch wir entschieden uns für die Durchsuchung einiger angrenzender Räume. Alle Räume waren leer, sie erschienen wie eine Kriegerunterkunft. Jeweils drei Hochbetten und ein paar Truhen füllten einen Raum aus. Wir bogen den Gang nach links ab und durchsuchten dort auch einige Zimmer, fanden aber nach wie vor niemanden. War die ganze Festung leer?
Ich bildete mit General Harras al Benson das Schlusslicht und unterhielt mich leise mit ihm, als dieser plötzlich von einer sich öffnenden Tür gestoppt und niedergestreckt wurde. Der Wüstensohn, der im Schlafgewand vor mir stand, war mindestens ebenso überrascht wie ich, doch Lucian reagierte am Schnellsten. Blitzschnell zog er seinen Dolch, drehte sich um und hielt dem Mann die Klinge an die Kehle. Er riet ihm, sich nicht zu rühren, oder es würde sein Tod sein.
Jarvena kam in ihrem Eifer zur Unterstützung angestürmt und verhedderte sich dabei offenbar irgendwie in ihrem Claymore-Gürtel, denn sie prallte blind gegen Lucian, der nach vorne stolperte, den armen Beduinen aufspießte und letztlich zwischen dem Toten und Jarvena eingeklemmt auf den Boden stürzte. Als Harras al Benson dann auch versuchte, die Tür zu schließen, war das Debakel komplett und Lucian sowie Jarvena hatten den Rest des Tages Kopfschmerzen. Vanwahenion schaltete am Schnellsten und schob alle kurzerhand in den Raum, den der Wüstensohn eben verlassen hatte. Lat-Tschatu streifte sich schnell dessen Wüstengewand über, das noch auf dem Bett lag und öffnete wieder die Tür. Offenbar war der kleine Zwischenfall nicht unbemerkt geblieben, denn der Händler bekam direkt einen Pfeil in den Arm. Er ließ sich fallen, anscheinend versuchte er, den oder die Schützen in die Irre zu führen. Ob es funktioniert hätte weiß ich nicht, Vanwahenion und Jarvena wagten sich vor und zogen ihn direkt zurück in den Raum, wobei Jarvena ebenfalls noch einen Pfeil ins Bein geschossen bekam. Langsam häufen sich die Verletzten hier. Aldagrim wappnete sich, Jarvenas Bein wurde notdürftig behandelt, Vanwahenion bezauberte die beiden und gemeinsam stürmten sie nach draußen um die Schützen zu stellen. Diese hatten sich Schritt für Schritt vorgewagt und ließen jetzt natürlich ihre Pfeile los. Jarvena fiel fast augenblicklich um, ich zog sie zurück in den Raum und behandelte die schwere Wunde. Wenn das so weitergeht sehe ich schwarz für unser Unternehmen. Lucian verließ ebenfalls den Raum, während sich Lat-Tschatu seine leichte Pfeilwunde selbst versorgte. Wenige Augenblicke später kam Vanwahenion zurück und schleifte einen Körper hinter sich her, dessen Kopf er allerdings gesondert trug.
„Die räumen wir besser aus dem Weg“ merkte er an. Wie vom Donner gerührt blieb er allerdings stehen, als er Lat-Tschatu dabei entdeckte, wie er eine der Truhen durchsuchte. Zornig warf er dem Händler den abgetrennten Schädel vor die Füße, woraufhin dieser sich lediglich an der zweiten Truhe zu schaffen machte. Vanwahenion starrte ihn ungläubig an. Offenbar konnte der Elf es nicht fassen, dass Lat-Tschatu seine Kameraden alleine kämpfen ließ und sich derweil bereicherte. Ich kann ihn verstehen, doch hielt ich mich raus. War noch damit beschäftigt, Jarvena zu heilen. Vanwahenion sah das offenbar enger und schlug dem Händler den Knauf seines Schwertes in den Nacken, so dass dieser bewusstlos zur Seite kippte.
Just in diesem Moment hörte ich das Mark erschütterndes Brüllen einer riesigen Bestie, mir lief es kalt den Rücken runter. Vanwahenion stürzte nach draußen und sah gerade noch, wie sich Aldagrim erbrach und ohnmächtig wurde. Schreckensbleich berichtete mir der Elf von einer großen Blutlache, wo ein Beduine, der sich um die Ecke schleichen wollte, offenbar rücklings in der Luft zerfetzt wurde. Aldagrim hatte seinen Gegner vorher bereits bewusstlos geschlagen und wollte ihn gerade wegtragen. Die Bestie war jedoch ebenso schnell wieder weg wie sie erschienen war und Aldagrim konnte später auch keine Beschreibung liefern, da er nur den Beduinen sah, wie er von großen Klauen durchbohrt wurde. Seltsames geht hier vor.
Nachdem Lat-Tschatu wieder aufgewacht war packte er wütend über seine Betäubung seine sieben Sachen, ging sein Maultier holen und verschwand ins Freie. Aldagrim folgte ihm, um ihn aufzuhalten, erfolglos. Die anderen berieten sich kurz und wir folgten ihm dann alle gemeinsam.
Der Händler lief bereits eine Rampe herunter, die an den Ställen vorbei in den Hof führten. Das Gelände war groß fiel mir auf. Die Unterkünfte, aus denen wir gerade herkamen, lagen über den Ställen. Die anderen zogen ihre Waffen, um Lat-Tschatu zu folgen und ihn vor den Bogenschützen auf den beiden Wachtürmen am Tor zu schützen. Warum rannten sie direkt auf die Türme zu? Die Zugänge zu der offenbar breiten und hohlen Mauer lagen doch in den Ecken des Hofes. Wenig überraschend wurden Jarvena, Vanwahenion und Lucian von Pfeilen erwischt, wobei Jarvena allerdings den größten Teil abbekam. Lat-Tschatu verschwand in dem rechten Zugang, Vanwahenion und Aldagrim folgten ihm, während Jarvena und Lucian versuchten, den linken Zugang zu erreichen. Ich zog mich mit Grimalda und Harras über die mittlere Rampe auf die Ställe zurück. Wie durch ein Wunder gelang es dem Händler, beide Schützen auf dem Wachturm zu beseitigen. Einer der beiden auf dem linken Wachturm wurde schon vorher durch einen glücklichen Zufall von seinen eigenen Kameraden vom rechten Wachturm erschossen. Keine Ahnung, wie ein Mensch so etwas hinbekommen kann, aber so lange es uns dienlich ist frage ich nicht weiter nach. Aldagrim zog den Säbel einer toten Wache und warf ihn zu dem verbliebenen Schützen des linken Turms. Er traf jedoch nur das Holz, wie es ihm gelang, dass die Waffe abprallte und den Schützen von oben durchbohrte frage ich mich allerdings immer noch. Glückstreffer würde ich sagen.

Wie dem auch sei, wir zogen uns dann alle in den oberen Bereich der Felsenfestung zurück, von dem wir bald bemerkten, dass es die Privatgemächer der Anführer waren. Wir durchsuchten ihre Räume nach Auffälligkeiten und Fallen, Jarvena fand eine, als sie eine Schranktür öffnete und von einem Geschoss in die Brust getroffen wurde. Warum darf ich eigentlich diese Bande immer wieder zusammenflicken?
Jarvena beharrte darauf, in diesem Gemach alleine auf den Bewohner zu warten. Es handelte sich dabei wohl um eine offene Rechnung, von der sie uns noch nichts erzählt hat. Sie erwähnte, den Bogen, der an der Wand hing, erkannt zu haben.
Gut, ich zog mich mit den anderen dann in das größte Gemach zurück, das offenbar Ali Ben Baba selbst gehörte. Wir versteckten uns dort und erwarteten die Ankunft des Räuberhauptmanns. Eine große Horde Reiter wurde eben von den Wachtürmen aus entdeckt, es konnte ja nur Ben Babas Bande sein. Unsere Voraussicht wurde belohnt. Während offenbar seine Truppen die Festung durchsuchten kam Ali Ben Baba höchstselbst in sein Quartier. Er begrüßte auch direkt wenig überrascht Harras, der ohne, dass wir es bemerkt hatten, auf dem ausladenden Bett Platz genommen hatte. Offenbar war der verwirrte General hier öfter zu Gast, konnte sich aber nicht erinnern. Nun, wir nutzten die Gelegenheit und nagelten den Räuber fest, als wir alle gleichzeitig aus unseren Verstecken sprangen.
Zu meiner Überraschung war der Ganove überhaupt nicht entsetzt oder unangenehm überrascht von unserem Eindringen, sondern er fügte sich bedingungslos und ergeben in sein Schicksal und überließ uns die Entscheidung, was wir nun mit ihm anstellen würden. Ein Buch, das Lat-Tschatu gefunden hatte, ließ uns zusätzlich an unserem Auftrag zweifeln. Dort drin waren alle „Einnahmen“ genau vermerkt und ebenso wurde dort aufgezeigt, wie viel davon in die Armenviertel von Bellat und der umgebenden Städte floss. Offenbar stimmen die Gerüchte und dieser charmante Schurke bringt es tatsächlich fertig, korrupte Händler auszunehmen, nur um damit unzählige Arme vor dem Hungertod zu retten.
Bevor es zu einer Diskussion kommen konnte, überraschte uns der wahnsinnige Priester, vor dem uns Kristina Farga gewarnt hat. Er beharkte uns wild kreischend mit irgendwelchen Zaubern, bis er von genügend Stichen und Schwerthieben schließlich niedergestreckt wurde. Ali Ben Baba drückte zwar sein Unbehagen wegen des ermordeten Priesters aus, teilte uns aber auch mit, dass er ihm nicht mehr traute, seit dessen Wahnsinnsanfällen und der Art, wie er manchmal mit Menschen umging. Er besaß bisher nur nie die Möglichkeit, das zu unterbinden.
Kurze Zeit später stieß Jarvena zu uns und berichtete, aus einigen Wunden blutend, von der Flucht des Räubers Pablo Boraces, der offenbar Ali Ben Babas Adjutant gewesen ist. Sie habe ihn zum Zweikampf gestellt, er sei aber entkommen.



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Medivh
Beitrag 16.06.2005 - 22:51
Beitrag #5


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Session von Mitte Mai

Kurz darauf entbrannte eine wilde Diskussion darüber, ob der sympathische Schurke nun gegen das Kopfgeld ausgeliefert werden sollte oder ob wir ihn, weil er ein guter Mensch mit Herz ist, unbehelligt lassen sollten. Ich sprach mich mit Jarvena, Vanwaherion und zu meiner Überraschung auch Aldagrim für letzteres aus. Mit leeren Händen wollten wir aber nicht nach Bellat zurückkehren, weshalb wir zumindest das Kopfgeld für den Priester einstreichen wollten. Als Aldagrim die Idee äußerte, Ali Ben Baba abzuliefern, das Geld einzustreichen und den guten Mann anschließend zu befreien, bekam die Diskussion eine neue Wende. Lat-Tschatu verfeinerte die Idee damit, den Schurken der Gefahr wegen hier zu lassen und stattdessen mit Hilfe des magischen Ringes, den er aus dem Gebirge mitgenommen hatte, dessen Äußeres anzunehmen. Einmal im Gefängnis sitzend, würde er sich den Ring abstreifen und seine Freilassung erwirken. Wirklich überzeugt war ich davon nicht, doch es war ein Plan mit Risiko und Herz, also stimmte auch ich zu.
Eine seltsame Höhle in der Nähe der Berge des Wahnsinns verkürzte unseren Weg nach Bellat auf nur ein paar Stunden und brachte uns in ein Waldstück nahe der Stadt. Wir erledigten alles wie abgesprochen. „Ali Ben Baba“ haben wir bei der zuständigen Wache abgeliefert, haben unsere Belohnung eingestrichen und direkt ein paar Plätze in einem Transportschiff nach Balung gebucht. Nachts ist dann Lat-Tschatu wieder zu uns gestoßen. Ich weiß ja nicht, wie er aus der Zelle eines lethonischen Militärgefängnisses entkommen konnte, aber ich werde ihn mal beobachten. Hoffentlich ist er kein Anbeter dunkler Mächte, sonst Gnade ihm der Herr.
Am nächsten Morgen sind wie dann nach Balung aufgebrochen. Eine lange Fahrt auf dem Fluss, und billig auch nicht gerade. Dort sind wir dann noch einige Tage geblieben und haben uns in dieser fantastischen Großstadt umgesehen. Ich habe ja bisher nicht viel von Lethon gehalten, aber diese Stadt ist wirklich einmalig. Groß, aber gleichzeitig geräumig mit ausladenden Parkanlagen, sehr viel Grünzeug und freundlichen Menschen. Könnte mir fast gefallen. Tinor hat zwar weniger Grünanlagen, aber die Architektur dort gefällt mir besser. Lethonische Gebäude – besonders die des Adels – machen irgendwie den Eindruck, als könnten sie einem anständigen Wind nicht standhalten. Nun gut, das sei dahingestellt. Wir haben in einer günstigen Mittelklasse-Herberge übernachtet, mit Ausnahme von Lat-Tschatu, der sich in einer Nobelpension einquartierte und plötzlich nur noch mit sehr teuren Kleidern in Balung herumstolzierte. Der führt doch irgendwas im Schilde. Vielleicht bin ich auch nur wieder etwas überkritisch. Wie dem auch sei, wir haben nach etwa einer Woche mitbekommen, dass der aus den Bergen des Wahnsinns entflohene Adjutant, Pablo Boraces, nun sein Unwesen im Norden Tinors in der Nähe von Tellur treibt. Jarvena, die mit ihm noch eine Rechnung offen hat, bestand darauf, dass wir ihn verfolgen und zur Strecke bringen. Da wir gerade sonst nichts zu tun hatten, fand der Vorschlag großen Anklang und im Moment laufen gerade die Aufbruchsvorbereitungen. Eine Reise durch das lethonisch-tinorische Grenzgebiet will wohl überlegt und geplant sein.


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Medivh
Beitrag 20.06.2005 - 15:00
Beitrag #6


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Session: 18.6.2005

Wir hatten Balung noch keine zwei Tage hinter uns, als wir auch schon von einer Bande Wegelagerer überfallen wurden. Ich bin ja der Meinung, dass sie für einfache Wegelagerer zu gezielt vorgegangen sind und ich glaube, dass mindestens zwei von den zwölf Angreifern eine militärische Ausbildung durchlaufen haben, aber meine Begleiter sind da wohl etwas blauäugiger. Wahrlich zu denken gab ihnen aber ein unerwartetes Ereignis. Aldagrim, der sich gegen mehrere Angreifer behauptet hatte und sogar zu Grimaldas Rettung eilte, wurde von dem letzten dann doch noch niedergeschlagen. Gerade, als dieser zum tödlichen Streich ausholen wollte, wurde er von einem Pfeil niedergestreckt, den niemand von uns abgeschossen hatte. Das Gleiche widerfuhr Jarvena. Sie trug einen langen, ehrenvollen Zweikampf gegen den offensichtlichen Anführer dieser Meute aus, musste dann aber schließlich die Waffen strecken, da sie gegen seine Kampftechnik nichts ausrichten konnte, denn er wusste seinen Schild gut einzusetzen. Ich hatte dem Zweikampf lange zugesehen – ich würde mich niemals in einen ehrlichen Zweikampf einmischen – aber als Jarvena die Waffe senkte und der Mann grinsend zu einem betäubenden Hieb ausholte, wollte ich gerade auffahren. Doch plötzlich sah der Mann schockiert auf seine Brust, aus der eine blutige Pfeilspitze ragte, und kippte wortlos vornüber. Aldagrim untersuchte später einen der Pfeile, konnte aber nichts auffälliges feststellen, außer dass der Schaft aus hellem Holz gearbeitet und der Pfeil weiß gefiedert war.
Lucian war uns vorausgeritten zum Kundschaften, immerhin kannte er sich in Wäldern von uns allen am Besten aus. Abgesehen von Vanwahenion vielleicht, aber der Elf zeigte kein gesteigertes Interesse daran, alleine – und vor allem ohne weibliche Begleitung – der Gruppe im Wald vorauszureiten. Er kam zu spät wieder zurück, um an dem Kampf effektiv teilzunehmen, also senkte er seine Armbrust wieder, überquerte die Lichtung und suchte nach den Spuren der Angreifer hinter uns. Er kam mit zehn Pferden zurück, die fein säuberlich aneinander gebunden wurden und wies verwundert auf einen weißen Beutel hin, der gut sichtbar an einer Satteltasche befestigt war und einige Heilkräuter enthielt, die wir dringend brauchen konnten, um Jarvena und Aldagrim wieder auf die Beine zu helfen.
Mir kam die Sache direkt ringarisch vor, die anderen jedoch machten sich darum erst einmal keine Gedanken sondern stritten sich lieber lauthals mit Lat-Tschatu, der, nachdem Aldagrim den Bedränger des Händlers erledigt hatte, nichts besseres zu tun hatte als zuerst einmal alle Taschen der Gefallenen umzudrehen. Noch viel weniger wunderten sie sich allerdings über die direktere Hilfe, die uns widerfahren ist.
Während des Kampfes brach plötzlich eine gewaltige Bestie aus dem Wald zu unserer Seite und riss innerhalb weniger Augenblicke brüllend drei unserer Gegner in Stücke, bevor sie wieder im Dickicht verschwand. Wir haben also mindestens zwei Helfer in der Not. Die riesige, wolfsartige Bestie, die uns bereits in Ali Ben Babas Festung unterstützt hatte ohne sich zu sehr zu zeigen und mindestens ein geheimnisvoller Verfolger, der wiederum unsere Verfolger verfolgte und ausschaltete. Ich habe, was das Monster angeht, zwar bereits einen Verdacht, werde ihn aber zuerst einmal nicht äußern. Betreffend des Bogenschützen – der übrigens einen Langbogen benutzt hat, bin ich ebenso wie meine Begleiter völlig ratlos. Auch eine direkte Spurensuche oder einen Rundflug meines treuen Bussards brachten keine neuen Hinweise ans Licht. Unser Verfolger muss gut in seinem Geschäft sein.
Während der Überquerung des lethonischen Grenzgebirges gab es keinerlei erwähnenswerte Ereignisse. Lucian fühlte sich sichtlich wohl, während Jarvena, Aldagrim und Lat-Tschatu ebenso offensichtlich mit der Höhenluft zu kämpfen hatten, einem Gegner, den sie nicht austricksen konnten. Da ich auf meiner Reise nach Lethon dieses Gebirge bereits überquert hatte, kannte ich mich hier aus und hatte mit den steinigen Pfaden und der dünnen Luft keine Probleme.
Ich sollte vielleicht darauf eingehen, dass es ein paar Tage später an einer Grenzstation, wo es Gebühren und Zölle zu entrichten galt, zu einem Zwischenfall kam. Den genauen Hergang kenne ich nicht, ich unterhielt mich gerade mit Harras über seine doch sehr seltsame Kampftechnik (er hatte bei dem Überfall hinter Balung sein Schwert gezogen und dabei die Schwertscheide in hohem Bogen verloren, was alleine schon einen Angreifer bewusstlos machte; als er dann ausholte, um dem bedrängten Lat-Tschatu zu helfen, schlug er dabei einem sich unsportlich von hinten näherndem Gegner den Schädel ein. Insgesamt scheint dieser Mann im Kampf mehr Glück zu besitzen als Vanwahenion bei Frauen). Ich bekam jedoch mit, dass Lat-Tschatu offenbar krampfhaft von etwas abzulenken versuchte, während sich Aldagrim darüber beschwerte, dass für das Branntweinfass aus den Bergen des Wahnsinns Zoll bezahlt werden musste. Die Zollwächter selbst gingen darauf nicht weiter ein, obwohl ziemlich offensichtlich war, dass der Händler etwas zu verbergen hatte. Sonst hätte er sich wohl kaum freiwillig direkt dazu bereit erklärt, die 7 TB Zoll für das Fass zu bezahlen. Gut, die Wächter hatten entweder in den letzten drei Monden das Grenzgeld erhöht oder uns wissentlich übers Ohr gehauen, jedenfalls rechtfertigte der Preis, den sie erhielten, offenbar, dass sie nicht weiter auf Lat-Tschatu eingingen.

Der Händler jedenfalls glaubte eine Verschwörung und absichtlichen Verrat von Aldagrim gewittert zu haben, auf jeden Fall war der Zwischenfall an der Grenze noch drei Wochen später immer wieder tägliches Thema. Und just als dem Söldner die Hand ausrutschte – jeder andere hätte Lat-Tschatu wohl schon lange vorher mundtot gemacht – gerieten wir in weitere rätselhafte Ereignisse.
Tagelang hatte uns ein Gefühl begleitet, beobachtet zu werden. Schlagartig hörte es auf, was aber wohl eher damit zusammenhängt, dass wir in eine breite und scheinbar endlose Nebellandschaft hineinritten. Die Landschaft veränderte sich. Die Hügel waren nicht mehr Grasbewachsen sondern kahl und dunkel, die Bäume schwarz und knorrig. Der Nebel war dicht, aber nicht so dicht, dass sich die Bäume nicht als gespenstische Silhouetten herausschälten. Gelegentlich passierten wir stinkende Sümpfe und gerade, als Lat-Tschatu wieder aus der Bewusstlosigkeit aufwachte, merkten wir, dass wir uns bereits auf einem herrschaftlichen Anwesen bewegten.
Zu unserer Linken säumte ein privater Friedhof den Weg, offenbar hauptsächlich von Adligen und Dienern. Verwitterte Grabsteine, imposante Grüfte, aber immer noch dieser unheimliche Nebel. Lat-Tschatu fing direkt wieder mit Aldagrim zu streiten an, wurde aber diesmal von dem Söldner und Jarvena gleichzeitig wieder ins Reich der Träume geschickt. Ich hatte zwar geschworen, den Händler vor den Wahnsinns-Attacken des Söldners zu schützen, aber gegen menschliche Reaktionen auf diese wochenlangen Provokationen und Streitsucht kann auch ich nichts ausrichten. Ich werde später mit ihm darüber reden.
Wir wurden plötzlich von einer massigen, wortkargen Frau in Dienstmädchenkleidung hereingebeten. Das Haus selbst war ziemlich alt. Drinnen war es düster und auf dem Treppenabsatz erwarteten uns der Hausherr und die Hausherrin, die sich als Marius und Jamella Wiggins vorstellen. Sie luden uns zum Abendessen und zum Übernachten ein, da wir offenbar vom Weg abgekommen waren und uns verirrt hatten. Marius versprach, uns morgen den richtigen Weg nach Tellur zu zeigen (woher weiß er, dass wir da hin wollen?). Ich brachte also Lat-Tschatu auf das Zimmer, das Aurelia – die Haushälterin – uns zugewiesen hatte und kochte dort ein wenig Wasser auf, das ich mit einem Kraut vermischte. Zusammen ergab dies zwar einen ziemlich übel riechenden Tee, brachte einen Mann aber wieder schneller und gesünder auf die Beine als die meisten Taschenspielerzauber der Hazel-Tempel.
Lat-Tschatu wurde direkt davon wach, weigerte sich aber, das Gebräu zu trinken. Nun gut, trank ich es eben. Ich fühlte mich direkt wieder wie neu geboren, obwohl sich der Gestank des Sumpfes immer noch nicht verzogen hatte. Wie kann jemand nur hier wohnen wollen?
Ich sprach mit dem Carromer über sein Problem mit Aldagrim und fand heraus, dass es eigentlich nur Stolz war, an dem beide nicht vorbeikamen. Lat-Tschatu konnte nicht im Ernst verlangen, dass sich Aldagrim über das tinorisch-lethonische Zollwesen im Klaren war und dazu auch noch bemerkte, dass der Händler Silberbesteck zwischen den Vorräten versteckt hatte. Das habe nicht einmal ich mitbekommen. Lat-Tschatu unterstellte dem Söldner aber immer noch pure Absicht und wich kein bisschen von seiner Meinung ab, ging sogar soweit, nur noch den Mord an Aldagrim als Ausweg zu sehen oder eben dass er von nun an alleine seiner Wege zog. Im Falle eines nächtlichen Gewaltverbrechens an Aldagrim schwor ich Lat-Tschatu aber, dass ich ihn anschließend im Zweikampf töten werde.
Anschließend führte ich ein ähnliches Gespräch mit Aldagrim selbst, der mir versprach, den Händler von nun an entweder zu ignorieren oder zu versuchen, besser mit ihm auszukommen. Wenigstens ein vernünftiger Mensch hier und heute.
Beim Abendessen selbst – das übrigens trotz der makabren Namen für die Gerichte überraschend gut war – gerieten dann Jarvena und Lat-Tschatu in einer Diskussion über Moral an-einander, woraufhin beide den Tisch verließen. Der Händler, um zu packen und die Amazone, um dem Händler endlich mal zu sagen, was sie von ihm hielt.
Marius Wiggins stellte uns seine seltsame Familie vor. Drei Söhne, davon einer im Kleinkindalter, eine Tochter (das älteste Kind), die alle einen sehr ruhigen und lauernden Eindruck machten. Seinen Vater Wilhelm identifizierte ich als Anhänger der Nekromantie, der ergraute Geier, der ihm dauernd folgte, verschaffte ihm einen ebenso skurrilen wie charismatischen Eindruck. Jamellas Schwester Roberta war eine rassige, vollbusige Frau mit dunkelroten, langen Haaren, die offenbar von ebensolchen Begierden wie Vanwahenion geplagt wurde. Zumindest verstanden sich die beiden auf Anhieb prächtig und verbrachten den Rest des Abends bzw. der Nacht beieinander.
Nach dem Essen bot uns Marius an, ein wenig Kleingeld zu verdienen. Da wir auf dem Weg nach Tellur waren, sollten wir in einer Ortschaft namens Gantero eine persönliche Nachricht an seinen guten Freund Johannes Paluka abliefern. Marius gab uns direkt einen Vorschuss sowie eine weitere Schriftrolle, die für uns bestimmt war und die wir nach Erledigung unseres Botenganges öffnen sollten. Ist mir ziemlich unheimlich, die Sache.
Wenig später kehrte Jarvena zurück und einige Stunden später auch wieder Lat-Tschatu, der sich zwar auf den Weg gemacht hatte, sich aber offenbar verlaufen hatte. Er sperrte sich wortlos in seinem Zimmer ein, so dass ich nach einem gemütlichen Abend bei Musik, Tanz und auffallend geistreicher Konversation gezwungen war, in einem anderen Zimmer zu übernachten.

Der Beitrag wurde von Medivh bearbeitet: 20.06.2005 - 15:00


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Beitrag 21.06.2005 - 13:55
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Session: 19.06.2005

Am nächsten Morgen zeigte uns Marius Wiggins wie versprochen die Abzweigung auf den Hauptweg. Der Nebel hatte immer noch nicht nachgelassen, erst zwei Tage später löste sich die Nebelwand auf und die Landschaft veränderte sich wieder von der dunklen, unheiligen Einöde in die typische, von kleinen Waldflecken dominierte, blühende Hügellandschaft Nordost-Tinors. Ein paar Wochen später, wir hatten gerade in einem Dorf unseren Proviant aufgestockt und waren wenige Tage davor, die erste größere Stadt im Norden Tinors zu erreichen, wurden wir erneut von einer unorganisiert aus einem Wäldchen rennenden Horde Mietlinge angegriffen. Der Kampf war schnell entschieden, diese Männer waren eher schlecht ausgebildet im Gegensatz zu den ersten Angreifern vor einigen Wochen.
Aber Vanwahenion machte bei einem der Kämpfer eine gleichermaßen interessante wie beunruhigende Entdeckung: Einer hatte eine Schriftrolle dabei mit einem anonymen Auftrag, eine Gruppe Reisender ausfindig zu machen, von denen vier beschrieben wurden, sie aufzuhalten, zu ermorden und alle Gegenstände von Wert dem Auftraggeber zurückzubringen, um fürstlich entlohnt zu werden. Die vier Beschreibungen passten haargenau auf Grimalda, Vanwahenion, Harras und Lat-Tschatu. Wir anderen wurden als „Begleiter“ bezeichnet. Offenbar hat sich der Autor der Schriftrolle die auffälligsten Mitglieder unserer kleinen Reisetruppe herausgesucht.
Lat-Tschatu als einziger auf Meilen erkennbare Carromer, Vanwahenion als attraktiven, hoch gewachsenen Elfen, Grimalda als die einzige, die nicht auf einem Pferd reitet sondern stets auf ihrem Besen fliegt (ich frage mich immer noch, wie das ihr Sitzfleisch aushält) sowie Harras als einzigen, eindeutig als „alt“ zu bezeichnenden Begleiter, der außer einer kleinen Umhängetasche und seinem Zweihänder nichts Erwähnenswertes mit sich führte.
Da unsere Angreifer erneut wieder etwa zehn bis zwölf Lethonier waren und das in dieser Anzahl unter den gegebenen Umständen in Nord-Tinor doch verwunderlich ist, kamen mittlerweile auch die langsamsten Denker unter meinen Begleitern auf die Idee, dass es doch gezielt mit uns zu tun hat.
Keiner weiß allerdings, weshalb. Wenige Kilometer weiter entdeckten wir ein weiteres Zeugnis für einen Hinterhalt, der jedoch bereits ausgehebelt wurde. Eine mit einer offenbar alchemistischen Substanz getränkte Schneise des Weges wurde mit Haselnusszweigen verdeckt, so dass die Blätter das alchemistische Teufelszeug aufsaugten und unschädlich machten. Lucian fand zwei Leichen im Gebüsch, einer von einem weiß gefiederten Pfeil durchbohrt, der andere erschlagen. Von der Ausrüstung und Kleidung her gehörten diese beiden armen Kerle ebenfalls zu den Lethoniern, die uns vor wenigen Stunden angegriffen hatten. Mit den rätselhaften Angreifern ist also unser ebenso rätselhafter Schutzengel zurückgekehrt.
Aber spätestens seit unserer Ankunft in der Stadt Sarpedon glaubt niemand mehr an einen Zufall. Dort wurde Jarvena in ihrem und Grimaldas Zimmer der Herberge, die wir ausgewählt hatten, von einem geheimnisvollen Angreifer gestellt. Der kleine, drahtige Mann, den Jarvena später beschrieb, war offenbar ebenfalls Lethonier, zumindest sprach er lethonisch. Er forderte von der Amazone, nachdem er sie im Zimmer erwartet und überrumpelt hatte – sie brach sich dabei einen Arm - „es herauszugeben oder zu sterben“. Jarvena gab laut Alarm, aber der geheimnisvolle Angreifer wurde im selben Moment durch Harras, der sich im Zimmer geirrt hatte und dem Mann aus Versehen die Tür ins Kreuz gestoßen hatte, dazu animiert, sich durch einen Hechtsprung durch das Fenster in Sicherheit zu bringen. Das Fenster mussten wir später teuer bezahlen. Harras verschwand mit einer gemurmelten Entschuldigung wieder und ließ eine ungläubig auf ihn starrende Jarvena zurück, die bei einem Blick durch das zerbrochene Fenster auch noch ihr linkes Ohr verlor, als nach ihrer Aussage ein Wurfstern nach ihr geworfen wurde. Aldagrim konnte diesen jedoch später nicht finden, während Vanwahenion und ich die verwundete Amazone in den nächsten Hazel-Tempel brachten, damit man sich dort um ihre Verletzungen kümmerte. Halphas sei Dank, dass Sarpedon eine größere Stadt ist, wo man auch für gewöhnlich die Hazel-Heilhäuser finden kann. In einem kleineren Dorf oder gar in der Wildnis hätte niemand etwas mit Sicherheit Wirkendes für Jarvenas gebrochenen Arm tun können. Nachdem die Amazone eine kleine Spende entrichtet hatte und ihr der weise Ratschlag mit auf den Weg gegeben wurde, in der nächsten Woche wegen des Ohres keinen Helm zu tragen und ihren Arm zu schonen, kehrten wir zur Herberge zurück.
Jarvena berief eine Ratsrunde ein, wo diskutiert wurde, was unsere Verfolger wohl von uns wollen könnten. Niemand kam zu einem Ergebnis. Lat-Tschatu war nicht da, er hatte sich nach einem erneuten Wortgefecht mit der Amazone in seinem (und wieder ebenfalls meinem) Zimmer eingesperrt.
Später erzählte er mir dann im Vertrauen, dass er den ein oder anderen „Besitztransfer“ in Lethon unternommen hatte. Eine wohlfeine Umschreibung für schlichten Diebstahl. Er versicherte mir jedoch, dass das Meiste davon es nicht wert sei, uns deswegen fast 24 Söldner und mindestens einen Attentäter auf den Hals zu hetzen. Ich habe ihn davon in Kenntnis gesetzt, dass ich aufgrund meiner Gesinnung in meiner Reisebegleitung keine krummen Touren dulde und er sich das schnellstens abgewöhnen solle. Der Carromer grinste nur und sagte: „So lange ich mich nicht erwischen lasse…“
Nun er wird schon noch sehen, was er davon hat. Ich werde sein „Geheimnis“ aber für mich behalten und überlasse ihm die Beichte den anderen gegenüber. Wir haben uns dazu entschlossen, auf schnellstem Wege über Cafalos nach Gantero zu reisen. Morgen brechen wir wieder auf.


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Medivh
Beitrag 22.07.2005 - 12:56
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Sessions: 16.7., 17.7. und 19.7.


Einige Tage später kamen wir ohne Zwischenfälle in Cafalos an. Direkt setzte sich Lat-Tschatu ab, um seinen Waren an den Mann zu bringen und um „einige Kleinigkeiten zu erledigen“, wie er zu sagen pflegte. Wenig später fand er uns dann in der Herberge, die wir uns ausgesucht hatten. Mit einem zufriedenen Grinsen teilte er mir mit, dass er morgen früh wieder zum Söldnerbüro gehen würde und dort den Mietling anheuern wird, der ihm ein „neues Leben eröffnen“ wird. Er sprach noch kurz von einem Geheimbund unter Händlern und kam dann auf das geheimnisvolle Schwert zu sprechen, das er dabei hatte. Er teilte der Gruppe offen mit, dass unsere Verfolger wohl an diesem interessiert sind. Er versprach, herauszufinden, worum es sich dabei handelt, als plötzlich eine Kneipenschlägerei ausbrach.
Da hatten sich wohl einige Kartenspieler in die Haare bekommen, auf jeden Fall landete einer von denen direkt auf unserem Tisch. Mit einem Blick gab mir Lat-Tschatu zu verstehen, dass wir das Schwert schützen müssen, es könnte eine abgesprochene Sache mit der Kneipenschlägerei sein, um an das Artefakt zu gelangen.
Aldagrim duckte sich unter einem fliegenden Bierkrug weg und stürzte sich mit einem erleichterten Grinsen ins Getümmel. Jarvena versuchte, hinter Vanwahenion die Treppe hoch zu rennen, wurde aber vom Faustschlag eines Hünen niedergestreckt.
Besser gesagt: Der Hüne prügelte drei Leute aneinander, die schließlich auf Jarvena landeten und sich mit ihr zusammen Aldagrim als Ziel aussuchten. In einem Knäuel aus Personen stoppten die fünf schließlich, konnten sich aber erst voneinander befreien, als Harras gegen den Menschenhaufen gestoßen wurde und ihn umwarf.
Ich glaubte langsam nicht mehr, dass diese Schlägerei das Schwert als Mittelpunkt hatte und verließ deshalb mit Lat-Tschatu unsere erste Zuflucht unter dem Tisch. Lat nutzte die Gelegenheit und sprintete zurück ins Zimmer, wo er laut eigener Aussage das Schwert in der Obhut Vanwahenions zurückließ. Danach sah ich nur noch, wie Lucian an mir vorbeiflog. Irgendjemand packte mich an der Schulter, riss mich herum und verpasste mir einen dermaßen starken Haken, dass ich nach hinten geschleudert wurde und mich dann Dunkelheit umfing.

Am nächsten Morgen, als ich den Herbergsraum erreichte, fand ich ihn neu möbliert und schwach besucht. Jarvena mit einigen blauen Flecken, Aldagrim mit versoffener Miene, eine gut gelaunte Grimalda und ein mindestens ebenso gut gelaunter Lat-Tschatu erwarteten mich dort. Wenig später verabschiedete sich der Händler, während wir frühstückten.
Mir blieb fast der Schinken im Halse stecken, als er wenig später mit einem der Prügelhelden von gestern Abend die Taverne betrat. Der Mann hatte mir den rechten Haken verpasst, von dem mein Kiefer noch heute träumte, und auch Lucian, Jarvena und Aldagrim stöhnten wenig begeistert und voller schmerzhafter Erinnerungen auf.
Lat-Tschatu stellte uns den Mann als Benni vor und setzte uns davon in Kenntnis, dass Benni uns begleiten wird, weil er Lat-Tschatu noch einiges beibringen würde.
Nachdem genügend Vorräte eingekauft wurden – Benni bestand übrigens darauf, seinen Proviant selbst zu zahlen – brachen wir nach Vendalia auf.

Wir passierten Vendalia, ein zur Stadt aufstrebendes Dorf, und durchquerten ein paar Tage später Tore. Dort fand Jarvena in der Herberge, als sie zu Bett gehen wollte, eine mit einem Wurfstern an der Tür befestigte Nachricht, dass wir bis in Gantero Zeit hätten, das Schwert zu übergeben. Der oder die Autoren würden auf uns zu kommen.
Als Lat-Tschatu darauf erneut angesprochen endlich mit der halben Wahrheit über das Schwert herausrückte, verschluckten sich die Meisten fast an ihren Getränken, inklusive mir. Das Schwert, ein lethonischer Zweihänder, regelt durch seinen Besitz die Thronfolge im lethonischen Kaiserhaus. Irgendwie war Lat-Tschatu an das Schwert des designierten Thronfolgers gelangt und hatte somit die Erbfolge unterbrochen. Kein Wunder, dass uns so viele Lethonier auf den Fersen waren. Jetzt möchte jeder Thronfolger werden. Jarvena rastete aus, entschloss sich aber dazu, lieber ein Fass Wein zu trinken als erneut mit Lat-Tschatu zu streiten, was sie sogar ziemlich gut hinbekam (beides). Wenig später wankten Aldagrim und Jarvena einträchtig wie selten Seite an Seite in ihre Zimmer.

Die Reise nach Gantero wurde ein richtiger Nerventest. Ständig stritten sich die Leute untereinander um die Herausgabe dieses dämlichen Schwertes und wie Lat-Tschatu den Verlust ersetzt bekommen möchte. Wenn ich mich nicht mit Benni über seine Erfahrungen mit dieser Gegend hier unterhalten hätte – er hat genug zu erzählen – wäre ich wohl auch völlig ausgerastet. Übrigens waren weder die anderen noch er wegen der Kneipenschlägerei nachtragend. So etwas passiert halt und es ist manchmal ganz gut, Dampf abzulassen, wie Benni meinte. In Anbetracht dessen, dass Benni 2 TB bezahlt hat, um die Einrichtung der Herberge zu finanzieren, glaube ich den Gerüchten gerne, dass sich dort öfter geprügelt wird und Benni dabei ist.
Wir kamen also in Gantero an, einer Kleinstadt mit lebensfroher Ausstrahlung. Die Streiterei ging natürlich in der Herberge weiter, wo sie sich mittlerweile darum stritten, wer hier wen verlassen würde.
Als wäre das alles nicht schon genug, tauchte plötzlich ein in weite Gewänder gehüllter, kleiner Lethonier auf und setzt sich zu uns an den Tisch. Er hatte seinen linken Arm unter dem Mantel verborgen, keinen Zweifel daran lassend, dass er noch irgendein As im Ärmel hatte.
Er stellte sich uns nicht vor sondern fragte uns einfach nach unserer Entscheidung. Vorlaut wie die Leute nun mal sind wollten meine Begleiter erst einmal wissen, wem sie das Schwert überhaupt aushändigen würden. Wortlos legte der Mann ein Pergamentstück auf den Tisch, das nur ein einziges Symbol enthielt. Lat-Tschatu informierte uns bedrückt darüber, dass dies das Siegel des designierten Thronfolgers sei.
Der Mann teilte uns mit, dass der organisierte Untergrund in Lethon einen schweren Rückschlag erlitten habe, als sein Lehnsherr Tausende verhören und hinrichten ließ. Er verlangte noch einmal mit Nachdruck die Herausgabe des Schwertes, ansonsten würde er einfach den Gegenstand in seiner linken Hand loslassen und damit das komplette Stadtviertel in Schutt und Asche legen. Sein Kamerad würde dann das Schwert aus den Trümmern bergen.
Der Mann ließ keinen Zweifel daran, dass er für diese Sache bereit sei, zu sterben, ließ sich aber auf eine Verlängerung ein. Morgen früh hätten sie sich entschieden, sagte Aldagrim. Meine Begleiter stritten sich dann noch teilweise bis spät in die Nacht, übergaben dann aber am nächsten Tag dem Unbekannten ersatzlos das Schwert. Dieser versprach, sich um unsere weiteren Verfolger zu kümmern, die wegen des Schwertes hinter und her wären, er könne aber für nichts garantieren. Für eine ordentliche Summe Geld verkaufte er uns noch Informationen über drei weitere Verfolgergruppen.
Eine militärische Einheit aus Bellat verfolge uns, weil sie glauben, Ali Ben Baba befände sich unter uns; des weiteren sei uns eine strategische Einheit der lethonischen Händler- und Diebesgilde auf den Fersen, da sie vom gleichen Grund ausgehen würden. Ansonsten verfolge uns noch eine weitere Person in weißer Robe.
Vanwahenion meinte sofort, diese Person würde ihm am Meisten Kopfzerbrechen machen, möglicherweise hat er damit nicht ganz unrecht.
Auf jeden Fall fühlte es sich an, als sei eine zentnerschwere Last von uns genommen, als der Mann mit dem Schwert die Herberge verließ. In der Tat konnte ich feststellen, dass sich die Stimmung nach und nach merklich verbesserte und längst nicht mehr jedes kleine Problem in einem tagelangen Streit ausartete.
Schließlich entschlossen wir uns dazu, die Nachricht von Marius Wiggins an seinen Freund Johannes Paluka abzugeben. Dort angekommen erfuhren wir von der Entführung des Hausherrn und dass jede Spur von ihm fehlen würde. Während Frau Johanna Paluka Mariu’s Brief las, öffneten wir das Pergament, das Marius für uns bestimmt hatte.
Darin stand zu unserer Überraschung, dass wir zu spät seien und dass Marius uns entlohnen würde, sollten wir zur Auflösung der Entführung beitragen. Verwirrt boten wir unsere Hilfe an.

Auf dem Rückweg zu unserer Herberge wurden wir von einem alten Mann aufgehalten, der uns in eine Seitengasse zu seinem Planwagen führte. Er offenbarte uns ein wahres Arsenal von Rüstungen, Waffen, Amuletten, Ringen und vielem nutzlosen Tand mehr und wollte uns zum Kaufen bewegen. Alles magische, alles von großen Helden der alten Tage, behauptete er. Nun ja, meine Begleiter waren auf jeden Fall Feuer und Flamme für sein Geschäft. Er erklärte uns die Verkaufspraxis. Es gab zwei Möglichkeiten, Ausrüstungsgegenstände zu erwerben. Die eine wäre, auf gut Glück einen Gegenstand zu kaufen und hinterher seine Bedeutung und Funktionen zu erfahren, die andere sei, 100 TG zu zahlen und dann direkt ohne Kaufzwang zu erfahren, was der ausgewählte Gegenstand für Fähigkeiten hat. Ein dubioses und sehr vom Glück abhängiges Geschäft, wie ich finde, aber Lat-Tschatu versicherte uns, dass eine derartige Geschäftspraxis im Moment die größte Mode auf Yaisk und auf dem Platz der Magie in der City of Liberty sei. Offenbar hatten meine Begleiter auch mit günstigen Gegenständen Glück. Aldagrim erstand endlich seinen heiß ersehnten Schuppenpanzer, der zwar nicht sonderlich mächtig war, aber immerhin hatte er endlich einen. Dazu gönnte er sich einen Maquahilt, da seine alte Waffe nun wirklich am Auseinanderfallen war. Lucian entschied sich für ein schäbig aussehendes Fell und während Jarvena mit einigen Amuletten liebäugelte, glaubte ich Lat-Tschatu mit dem alten Mann flüstern zu sehen.
Ich suchte mir einen Plattenpanzer aus und ließ mir von Meldor, so hieß der Alte, seine Funktionsweise erklären. Nicht sonderlich stark, aber mir hat es die Rüstung angetan. Ist nur sehr teuer. Ich habe mit Meldor einen Treffpunkt in Idora ausgemacht, dort werde ich dann Geld abheben gehen. Wir treffen uns in drei Tagen.

Am nächsten Morgen schon sind wir nach Idora aufgebrochen, da wir vermuteten, dass die dort ansässige Steinmetzfamilie namens Alwar etwas mit der Entführung Johannes Palukas zu tun hat. Unterwegs wurden wir dann von den grausamsten Gestalten angegriffen, die ich jemals gesehen habe. Der verhüllte Lethonier hatte uns gewarnt, dass ein Nekromant und ein Dämonenbeschwörer sich gegenseitig auf der Jagd nach dem Schwert ausgelöscht hätten und dass einige ihrer „Kreaturen“ noch in der Gegend herumfleuchen könnten, aber so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Hellrote Skelette bewegten sich mit einer Geschwindigkeit auf uns zu, die ihrer wackeligen Konstruktion Lügen strafte. Obwohl wir fast von ihnen eingekreist wurden, behielten meine Begleiter überraschenderweise die Nerven und setzten sich tapfer zu Wehr, aber gegen diese Monstrositäten war es fast unmöglich, die Oberhand zu behalten. Einer nach dem anderen ging zu Boden und nur durch das beherzte Eingreifen Grimaldas und Vanwahenions konnte schlimmeres verhindert werden. So löschte Vanwahenion beispielsweise Lat-Tschatu direkt wieder, dessen weite Kleidung die grausamen Waffen der Skelette in Brand gesetzt hatten. Wäre uns nicht eine weiß gekleidete Wanderin, die wir später als Kristina Farga erkannten, zu Hilfe geeilt, wären wir wohl aufgerieben worden. Die erfahrene Kriegerin rettete Jarvena kurz vor dem Tod und auch Lat-Tschatu konnte sie helfen. Einige versprengte Reste der Skeletthorde tauchten zwar wieder auf, nachdem Kristina sie in die Flucht geschlagen hatte, aber sie stellen kein größeres Problem mehr dar.


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Beitrag 24.07.2005 - 23:02
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Sessions: 21.7. und 22.7.2005

Ich unterhielt mich auch kurz mit der Ordenskriegerin und sprach mit ihr über Meldor. Sie sprach nur im guten Ton von dem alten Mann, als würde sie ihn seit Jahren kennen. Sie informierte mich darüber, dass sie auch bei ihm einst eine gute Rüstung gekauft hätte, diese aber nach der Seeschlacht um Mayotte an den Nagel gehängt hätte. Ich äußerte ihr gegenüber meine Vermutung, dass Meldor die magischen Gegenstände weit unter Wert verkaufen würde, worauf sie nur mit einem „das glaubt jeder“ reagierte und dabei hintergründig lächelte.

Wir kamen zu später Stunde in Idora an. Jarvena ging einen Hazel-Tempel suchen, fand aber nur ein Hospiz, während wir anderen nach einer Herberge suchten. Dort brach natürlich im Verlauf des Abends eine Schlägerei aus, an der – wie ich schätze – Aldagrim nicht ganz unschuldig war. Ich flüchtete zu Beginn der Schlägerei mit meiner Fiedel aus der Kneipe und traf mich mit Meldor, dem ich die Rüstung endlich abkaufen konnte.
An diesem Abend wartete ich dann nur noch ab, bis die Prügelei zu Ende war und legte mich dann schlafen. Tags darauf wollten wir den Alwars mal einen Besuch abstatten, aber der Herbergsvater teilte uns mit, dass die Familie derzeit unterwegs zum Friedhof ist, um das Familienoberhaupt zu Grabe zu tragen. Während ich Grimalda und Benni Gesellschaft leistete und in der Herberge blieb, gingen die anderen zum Friedhof.
Hoffentlich verhalten sie sich diplomatisch.
Stunden später begann es plötzlich, wie aus allen Eimern des Himmels zu regnen. Kurz darauf stapfte Vanwahenion wütend in die Herberge, gefolgt von Lucian, der ihn unablässig um Verzeihung bat und von Lat-Tschatu, der sich scheinbar nicht zwischen einem missmutigen und einem fröhlichen Gesichtsausdruck entscheiden konnte. Alle drei verschwanden oben, ohne unsere fragenden Blicke zu beachten. Wo waren Jarvena und Aldagrim?
Wie zu erwarten polterten die beiden triefend nass in die Herberge und waren mal wieder am Streiten. Jarvena kam auch direkt zum Punkt und forderte Aldagrim für den Mord an einem Leibeigenen zum Duell heraus. Ich war wie vom Donner gerührt. Mord? Aldagrim bestand weiterhin auf einen von Jarvena provozierten Unfall, während die Amazone auf der Kaltblütigkeit des Tinoriers beharrte. Schade, dass Jarvena zuerst herausgefordert und damit Erstrecht hat. Ansonsten hätte ich es wohl getan, ungeachtet der genauen Umstände.
Die Bedingungen waren klar. Unterliegt Aldagrim, so stellt er sich, unterliegt Jarvena, vergisst sie die Sache. Ich werde jetzt meine persönliche Meinung über diesen Handel außer Acht lassen und wie gefordert den Schiedsmann darstellen.
Das Duell im Morgengrauen, vor der Stadt, versteht sich, war schnell entschieden. Aldagrims Position war von Anfang an die ungünstigere. Noch verletzt und erschöpft von den Strapazen der letzten Tage und gegen die aufgehende Sonne kämpfend hatte er keine guten Karten gegen die ausgeruhte Amazone. Ich mag nur die grausame und hämische Arroganz nicht, mit der Jarvena ihren Sieg auskostete. Man schlägt jemanden nicht und hält ihm danach auch noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Sieg vor. Irgendwann wird sich das auch bei ihr rächen habe ich das Gefühl.
Aldagrim hatte jedoch Glück im Unglück. Wir kamen nach dem Duell mit dem schwer verletzten Söldner – einige gebrochene Knochen und ein unerbittlich unter den verbalen Druck Jarvenas geratener Geduldsfaden – gerade wieder in der Herberge an, als auch wenig später schon eine Abteilung der örtlichen Miliz unter Führung des Büttels eintraf. Sie sprachen von Zeugen, die Aldagrim, Lucian und Jarvena bei einem Einbruch beobachtet hätten. Außerdem sei ihnen der Mord an einem Leibeigenen zur Last gelegt. Die Alwars forderten für die in ihrem Haus zerstörte Einrichtung sowie für den getöteten Leibeigenen eine Entschädigung in großer Höhe. Zähneknirschend zahlte Jarvena das Geld aus unserer Gruppenkasse, anschließend wurden die drei aus der Stadt verbannt.
Ich sollte Jarvena gerade herausfordern dafür, dass sie an dieser dubiosen Geschichte beteiligt war und sich nicht selbst geißelte, aber ich finde, heute ist genug unnötiges Blut vergossen worden. Zudem wurde dem tinorischen Gesetz genüge getan und die Strafe gezahlt. Aber ich schwöre, bei der nächsten Gelegenheit, welche mir Zweifel an der Motivation der angeblich so ehrenvollen Kriegerin aufkommen lässt, fordere ich sie zur Genugtuung.
Wie zu erwarten war wurden Vanwahenion und Grimalda kommentarlos vor die Tür gesetzt, als sie sich bei den Alwars um den Stand der Dinge informieren wollten. Offenbar hat es sich herumgesprochen, wer mit wem alles zu tun hat. Mich beschäftigt jedoch ähnlich wie Vanwahenion die Information, dass das verstorbene Familienoberhaupt heute Nacht aus seinem Grab gestohlen wurde.
Wir ritten vor die Stadt, wo Aldagrim, Jarvena und Lucian auf uns warteten. Der Söldner konnte mit seinem gebrochenen Bein unmöglich reisen, aber wir hatten Glück. Meldor rumpelte mit seinem Planenwagen heran, auf der Pritsche begleitet von der schlafenden Kristina Farga. Der Alte bot uns an, ihn nach Nazar zu begleiten, einer Stadt hier in der Nähe. Wir nahmen das Angebot an und Kristina behandelte wenig später Aldagrims Verletzungen, so dass wir die Reise mit ein wenig Verzögerung fortsetzen konnten.
Während der Reise unterhielt ich mich viel mit dem Alten und der geheimnisvollen Ordenskriegerin. Meldor selbst fühlte sich offenbar an seinem Lebensabend angekommen und verkaufte deshalb eilig Beutestücke aus „alten Tagen“, wie er behauptete, um seinem derzeit reisenden Sohn ein gutes Leben zu bescheren. Benni jedoch war grinsend der Meinung, dass er das hier seit zwei Jahren macht und bei so viel Beute aus alten Tagen knappe 500 Jahre gelebt haben müsste.
Kristina selbst war auffallend schweigsam. Benni, Kristina und ich spielten ab und zu Karten, wenn wir Rast machten. Ich bin der Meinung, dass diese Frau ein Profi darin ist, was sie tut. Beim Kartenspielen musste sich selbst der erfahrene Zocker Benni öfter geschlagen geben, als er für möglich gehalten hätte. Cäsar sei Dank ging es bei den Spielen nicht um Geld, ansonsten wäre ich wahrhaftig sehr schnell sehr arm gewesen.
Kristina ist auf jeden Fall eine erfahrene Kriegerin, die sich in Gandram einen Namen gemacht hatte. Sie befehligte sogar als Kapitänin einen Schlachtkreuzer namens Noradis, eines der berühmten Flagschiffe der Verteidigungsarmada von Mayotte in einer Seeschlacht gegen Orkschiffe vor ein paar Jahren. Ihr Manöver dabei wurde legendär, soweit ich weiß. Sie opferte durch das Manöver zwar zwei eigene Abfangschiffe, konnte aber mit ihrem Schiff das Flagschlachtschiff der Orks sowie zwei Brecher-Kreuzer versenken. Eine Strategie, die so kaltblütig wie auch effizient ist, dass ihr die so schnell wohl niemand nachmachen wird.
Vor drei Jahren war sie sogar im Krieg gegen die dunklen Mächte in der Nähe von Nobron mit an vorderster Front, wo sie den Erzählungen zu Folge an einem einzigen Tag dreizehn vom Chaos gezeichnete Oger und zwei größere Dämonen erschlagen haben soll. Ich weiß nicht, was ich von derlei Geschichten halten soll, aber Aldagrims Beitrag eines Abends, dass Kristina die einzige Söldnerin gewesen sein soll, die jemals eine Berufung zum Warlord abgelehnt hat, fordert meinen Respekt der geheimnisvollen Frau gegenüber.
So jemanden wird nicht wegen einer Kleinigkeit in den abgelegenen Norden Tinors entsandt. Nun, alles Kopfzerbrechen bringt mir nichts, aus Kristina bekomme ich kein Wort heraus über ihre Mission und wir können sowieso nur blind raten.
Während einer Nacht behaupteten Jarvena, Vanwahenion und Grimalda plötzlich, Stimmen zu hören und auch Lucian folgte der Geschichte bald. Ich konnte nichts erkennen, erklärte mich aber bereit, das Lager zu bewachen und auf sie zu warten. Als die vier nach einiger Zeit nicht zurückgekehrt waren, folgte ihnen Aldagrim in die Geistermundhügel. Ich hielt das zwar für keine besonders gute Idee, aber auf mich hört hier ja sowieso niemand.
Etwas später dann kehrten alle wieder zurück mit der Behauptung, der Stimme eines Geistes gefolgt zu sein, der die Bestattung seiner sterblichen Überreste erbeten hatte. Da die fünf bleicher als sonst waren nahm ich an, dass es nicht nur bei einer simplen Bestattung blieb. Grimalda erzählte später, dass sie einige rastlose Tote vernichten mussten und dabei auch noch auf ein gewaltiges, haariges Biest getroffen seien, das aber vor ihnen geflohen sei.


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Beitrag 31.07.2005 - 16:19
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Session: 24.7.2005

Nach dieser aufregenden Nacht, die uns noch eine kleine willkommene Spritze für die lädierte Gruppenkasse einbrachte, erreichten wir schließlich die Residenzstadt Nazar. Wir hatten uns eine Herberge gesucht und trennten uns anschließend, da jeder noch seinen eigenen Geschäften nachging. Als ich auf dem Marktplatz mit einem Händler über die besten Saiten für meine Fidel fachsimpelte, sprach mich eine junge Frau an. Sie meinte, sie wäre Alchimistin und hätte an meiner hochtinorischen Aussprache festgestellt, dass ich die Dichtersprache beherrschen würde. Offen fragte sie mich, ob ich des Argorischen mächtig sei, was ich glücklicherweise bejahen konnte. Sie meinte, mir für diesen Fall eine einträgliche Arbeit für mich bieten zu können. Ich könne ihr einen Text übersetzen, der ein Experiment betrifft, aber leider auf der Landessprache Argors abgefasst ist und sie diese leider nicht beherrsche. Ich schlug die mir angebotene Entlohnung natürlich aus, erklärte mich aber bei meiner Ehre mit Freuden bereit, einer jungen Dame in Not, sei es auch nur intellektuelle Bedrängnis, jederzeit zu helfen. Ich nahm den Text gleich mit, da ich wusste, dass sich Aldagrim und Vanwahenion ebenfalls nach Arbeit umsahen und auf einen mehrtägigen Aufenthalt in Nazar einrichteten, unter anderem deshalb, weil Jarvena sich unterwegs ständig beklagte, dass sie ihre leichten Verletzungen vom Kampf mit den Skeletten in den Geistermundhügeln gerne einige Nächte lang auskurieren würde. Somit war für alle klar, dass wir mehrere Tage in Nazar bleiben würden.
Ich war am nächsten Tag noch mit der Übersetzung beschäftigt – Alchimie ist nicht gerade mein Fachgebiet – und saß also in der Herberge zusammen mit Benni und Lat-Tschatu, die Karten spielten. Jarvena kam zum Frühstück hinzu und äußerte sich ungeduldig über den Verbleib von Aldagrim, Lucian, Vanwahenion und Grimalda. Ich merkte an, dass die vier wohl Arbeit gefunden hätten, ich ihr aber leider nicht sagen könne, wo. Sie murmelte irgendetwas, was ich leider nicht verstehen konnte, aber es klang nicht sehr erfreut.
Später am Abend erreichten uns dann Vanwahenion, Grimalda und Lucian in der Taverne. Müde, schmutzig, aber glücklich und um einige Gulden reicher ließen sie sich auf die Stühle fallen und bestellen etwas zu trinken. Ich fragte nach Aldagrim, bekam aber die Antwort, dass der noch eine Schicht am Umschlagplatz schieben sei, unterwegs aber offenbar von Jarvena aufgegriffen wurde und deshalb Glück haben muss, nicht zu spät zum Dienst zu erscheinen. Die Genannte trat auch wenig später zornesroten Kopfes ein und hielt direkt eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Sie beschwerte sich laut darüber, sich hier offenbar niemand genötigt fühle, sich bei ihr abzumelden und so weiter. Immerhin müsse sie das Geld aus der Gruppenkasse für weitere Nächte aufbringen, was sie auf gut Glück nicht wirklich gerne tut. Da den anderen noch gut die Beschwerden und die Forderung Jarvenas auf einige Nächte Ruhe in den Ohren klangen, erntete die Amazone nichts als Unverständnis und Lat-Tschatu reagierte sogar richtig angriffslustig.
„Vielleicht sollte dann jemand die Gruppenkasse übernehmen, der sich nicht als unser Terminkalender aufspielt“ sagte er der zornigen Kriegerin furchtlos ins Gesicht.
Als dann noch von der Alchimistin Gaeriel vom Nachbartisch ein Schnaps für Jarvena spendiert wurde mit dem Hinweis, dass sie sich endlich mal wieder beruhigen solle, war für die Amazone der Zeitpunkt gekommen, wutentbrannt in ihr Zimmer zu verschwinden.
Am nächsten Morgen, Jarvena tat immer noch beleidigt, kehrte Aldagrim müde von der Nachtschicht zurück. Er war kurz vorm Umfallen, erklärte uns aber noch, dass er sich durchgefragt hätte und herausgefunden hat, dass in Zendar ein weiterer Steinmetz leben würde. Vielleicht könnten ja da Informationen gefunden werden. Während wir uns dann mit den Reisevorbereitungen befassten, schlief der Söldner sich erst einmal anständig aus.

Wenige Tage später erreichten wir überraschend ein Dorf namens Estotil, wo wir übernachteten. Nachdem jeder seine Besorgungen gemacht hatte, zogen wir am nächsten Morgen über die Brücke von Estotil nach Chionil, einem weitaus größeren Dorf, und quartierten uns dort ebenfalls ein. Es wurde mehrheitlich beschlossen, hier zu übernachten, um das größere Dorf erkunden zu können und eventuell sogar einen gesellschaftlichen Abend zu besuchen. Ich erwähne nur am Rande, dass sich Jarvena über die Unnötigkeit beschwerte, über eine Brücke zu ziehen und sich im direkt dahinter liegenden Dorf eine neue Herberge zu suchen. Vanwahenion hatte Grimalda übrigens ein hübsches Kleid gekauft und lud sie zu einem Tanzabend ein, um es auszuprobieren. Als sie feststellen mussten, dass es eine derartige gesellschaftliche Attraktion hier leider nicht gibt, entschlossen wir uns einstimmig dazu, in der Herberge mit Hilfe des Wirtes selbst einen bunten Abend zu gestalten.
Rasch waren die Verhandlungen mit dem Herbergsvater abgeschlossen, so dass wir mit den Planungen beginnen konnten. Die Aufgaben wurden schnell verteilt, sogar oft freiwillig ergriffen. Lat-Tschatu übernahm die Kasse und Rechenaufgaben, Vanwahenion organisierte eine Gruppe Musikanten, zu denen ich mich dazugesellte, Grimalda gestaltete mit Benni Plakate und stellte sich auf den Markt zum werben. Die einzelnen Aufgaben für den Abend selbst, den wir am nächsten Tag gestalten wollten, waren ebenfalls klar. Lat-Tschatu übernahm Eintritt, Grimalda und Vanwahenion führten Zauberkunststückchen vor, Aldagrim organisierte Wetten beim Armdrücken gegen ihn, während Benni Karten spielte und anschließend das Armdrücken übernehmen sollte. Lucian wollte jungen Gästen des bunten Abends erlauben, auf seinem Wolf Lex zu reiten und ich spielte zusammen mit den beiden anderen Musikanten zum Tanz auf.
Der Abend des darauf folgenden Tages, der geplante bunte Abend, verlief sehr gut. Zu Beginn, als noch nicht viele Besucher da waren, forderte Vanwahenion Grimalda zum Tanz auf, anschließend die überraschenderweise in einem Kleid aufgetretene Jarvena. Überraschenderweise war sie überhaupt aufgetreten, um es mal diplomatisch auszudrücken. Da ihr Kleid jedoch während des Tanzes von einem plötzlichen, dunkelroten Glühen durchtränkt war, entschied sich Vanwahenion dann doch vorsichtig dazu, weiter mit Grimalda zu tanzen. Aldagrim siegte im Verlauf des Abends öfter im Armdrücken, als er dachte, sogar gegen Jarvena. Gegen Grimalda hatte er allerdings ungeahnte Probleme, die zierliche Hexe bezwang den Söldner in Rekordzeit. Benni zockte Karten wie ein Weltmeister und verdiente uns einige Gulden dazu, die Zauberkunststücke Grimaldas und Vanwahenions weckten zugleich Furcht und Erstaunen, wobei letzteres aber schließlich siegte. Insgesamt war der Abend für uns ebenso lukrativ wie belustigend und entspannend. Bei der Zählung wies Lat-Tschatu für uns einen sehr hohen Betrag aus – für umherziehende Abenteurer, versteht sich – der nach dem Anteil des Wirtes übrig war und den wir unter den Teilnehmern aufteilten. Vanwahenion teilte das Geld gerecht auf, ließ aber Jarvena aus den Berechnungen außen vor, da sie, so sagte er, nichts Sinnvolles zu dem Abend beigetragen hatte. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Amazone darüber recht mürrisch war. So, nun werden wir erst einmal schlafen gehen und morgen ziehen wir weiter.


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Beitrag 15.11.2005 - 22:42
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Sessions: 15.08. und 13.11.2005

Ohne weitere Zwischenfälle haben wir Zendar erreicht. Welch trostlose Stimmung dieses Dorf im Griff hat. Auf Anfragen in einer der Tavernen sagte uns der Wirt, der eine ungesunde grünliche Hautfarbe aufwies, dass das halbe Dorf von einer schweren Krankheit, der Pest gleich, ans Bett gefesselt wäre. Wir erkundigten uns sogleich bei den wichtigen Leuten im Dorf, so dem Bürgermeister, dem Büttel und dem Medicus, der gleichzeitig ein angehender Alchimist ist.
Als meine Begleiter erfuhren, dass die Krankheit von einem Gemisch, das dem Brunnen des Dorfes beigemengt wurde, herführt, fiel ihr Verdacht natürlich sofort auf den Medicus Armin Steinbrück. Sie fragten ihn nach allen Regeln der Kunst aus, als sie jedoch herausbekamen, dass das Gift flüchtig ist und nur etwa sechs bis acht Stunden im Wasser haltbar ist, beschlossen sie, den Brunnen zu beobachten.
Als am nächsten Morgen, nach einer durchwachten Nacht, das Gift immer noch im Brunnenwasser nachgewiesen werden konnte, war ihre Neugier endlich geweckt und die Erkenntnis reifte, dass das Gift nicht von oben dem Brunnen zugeführt sondern offenbar an der Quelle beigemischt wurde. Prompt fragten sie nach einem Zugang zu dem Brunnen. Der Dorfälteste wusste zu berichten, dass es einmal eine alte Kanalisation hier gab, errichtet von den Zwergen, als Zendar nur eine kleine Bergarbeitersiedlung war. Sie wurden während einer Ork-Invasion vor fast 300 Jahren schon mal als Depots und Zuflucht benutzt, sind aber seit dieser Zeit verlassen. Zumindest sagt das die Chronik des Dorfes. Aber der Dorfälteste, ein Mann namens Zacharias, behauptet, es würde dort vor grässlichen Monstern nur so wimmeln und viele Schatzsucher, die jemals dort eingedrungen waren, wären nie wieder gesehen worden oder unzurechnungsfähig zurückgekehrt. Na zumindest bei letzterem mache ich mir bei meinen Begleitern keine Gedanken, der Zustand ist normal.
Die dringende Bitte des Bürgermeister und dessen zufälliger Kommentar darüber, dass alle Schätze, die dort gefunden werden, behalten werden könnten, ließ die Entscheidung bei meinen Kameraden offenbar schnell fallen. Der Bürgermeister ist ein cleverer Mann, das muss man ihm lassen. Obwohl ich bezweifle, dass dort noch Schätze zu finden sind.
Nun, wir begaben uns also in diese alte Kanalisation, deren Eingang ein wenig außerhalb des Dorfes an einem Hügel lag. Der Eingang mutete mir zu wie die Pforte zu einem Grab, und ohne es zu wissen sollte ich mit meiner Vermutung richtig liegen.
Jarvena, welche die Karte und die genauen Anweisungen von Zacharias hatte, wie wir zu dem Brunnen gelangen würden, zögerte ab und an. Vielleicht kann sie nicht sehr gut Karten lesen dachte ich. Nachdem wir einen Schwarm Fledermäuse aufgescheucht hatten, ein paar Zombies zerstückelt hatten, Ratten ausgewichen waren und einen seltsamen Pilzbefall an einer der Wände ausgelöst hatten, der Lucian kurz in die Bewusstlosigkeit schickte, gelangten wir auch tatsächlich zu dem Brunnen. Gegen die Goblins, die sich um die Brunnenmauer geschart hatten und regelmäßig ihr Pilzgebräu reinkippten, brauchten wir gar nicht erst zu kämpfen, da Lucian ja diesen Pilzbefall ausgelöst hatte; die Giftwolke war in Richtung des nächstbesten Luftzuges – der offene Brunnenschacht – abgezogen und hatte auf seinem Weg die Goblins ins Reich der Träume geschickt.
Aldagrim bestand darauf, sie sofort zu töten, und obwohl ich dagegen bin, Wehrlose zu töten, gebe ich ihm in diesem Fall Recht. Die Goblins haben Jahrhunderte lang die Randbereiche des Gebirges terrorisiert. Ein paar weniger würde dem Reich gut tun. Ich konnte ihn jedoch dazu überreden, den Boss, der aussah wie eine Art Schamane, zuerst noch zu befragen.
Außer wildem Gestammel und dem, was wir sowieso schon wussten, war aus der jämmerlichen Kreatur aber nicht herauszubekommen, weshalb Aldagrim ein rasches Ende bereitete.
Auf dem Rückweg zum Dorf haben wir uns leider hoffnungslos verlaufen. Ich war der Meinung, wir hätten nach rechts gemusst, aber Jarvena wählte den linken Weg. Wir liefen genau einer Horde Skelette in die Arme. Mit Mühe und Not konnten wir sie bezwingen, aber zu welchem Preis.
Vanwahenion lag ausgestreckt mit gespaltenem Schädel zu unseren Füßen.

Am nächsten Morgen hatten wir unseren gefallenen Kameraden beigesetzt. Lat-Tschatu hielt eine sichtlich bewegte Grabrede, Aldagrim legte ihm sogar noch seine Tabakutensilien mit ins Grab. Ich werde wohl nie erfahren, was den jungen Elfen dazu bewegt hat, auf eine lange Reise zu gehen und sich uns sogar anzuschließen. Fest steht, dass wir einen Freund in der Not verloren hatten, einen, der immer zu guten Worten aufgelegt war und stets gute Laune hatte. Nun, abgesehen von dem Missgeschick in dem Stadthaus der Alwars. Einen fähigen Magieanwender und Freund in unserer Mitte weniger hoben wir betrübt ein Glas auf ihn.

Nach dem Essen entschlossen wir, dass Vanwahenions Tod nicht umsonst sein sollte. Umsonst würden die Goblins sicher nicht ein Gift in den Brunnen schütten, um die Bevölkerung zu schwächen. Unsere Vermutung bestätigte sich, als wir bei Bürgermeister Johannsen erfuhren, dass sich jedes Jahr um die Zeit ein kleiner Haufen diebischer Goblins zusammenrottet, um sich durch Zendar zu stehlen. Dieses Jahr hatten sie offenbar den Plan, die Bevölkerung erst zu schwächen, um dann einfacher auf Diebesfeldzug gehen zu können. Ich schlug direkt vor, dass wir das Goblin-Nest im Vorgebirge ausrotten sollten, doch meine Stimme ging in dem Gewirr von Angriffsplänen unter. Offenbar waren alle der gleichen Meinung wie ich. Schnell kaufte ich noch zwei Kräuter ein, die mir fehlten, da machten wir uns auch schon auf den Weg aus Zendar heraus Richtung Norden. Wir durchquerten ein kleines Waldstück und stiegen dann in das Hügelland hinauf.
Goblinspuren sind sogar für mich einfach zu finden. Sie machen sich gar nicht die Mühe, ihre Spuren zu verwischen. Wir hatten sie schnell entdeckt, in einer kleinen, von Steilwänden eingerahmten Schlucht. Lat-Tschatu band das Lasttier an einem Felsen fest, während Lucian sich vorpirschte, um ihre Zahl auszukundschaften. Er kam wenig später zurück, ignorierte Aldagrims Floskel über einen umherkriechenden Köter und berichtete, dass nur neun Goblins dort am Feiern seien, weil sie offenbar ein Tier erbeutet hatten.
Mit gezogenen Waffen stürmten wir hin und ich hörte, wie Jarvena und Aldagrim eine Wette abschlossen, wer am Schluss mehr Goblins getötet hätte. Normalerweise habe ich nichts dafür übrig, wenn jemand mit dem Tod sein Spiel betreibt, aber ich sehe mal darüber hinweg, weil es sich hier nur um Goblins handelt. Eine grüne Plage in der Welt.
Die Sache dauerte keine halbe Minute, da lagen fast alle Grüntiere tot im Dreck des Hügellandes. Ein Donnern zerriss plötzlich die klare Mittagsluft. Dem Goblin vor Jarvena platzte der Schädel in einer Fontäne aus Gehirn, Blut und Knochensplitter. Jarvena war enttäuscht; unentschieden mit Aldagrim. Lucian, der sich mitten in drei Goblins geworfen hatte, trug also den Sieg dieser Wette davon, obwohl er nichts davon wusste.
Als sich der Qualm verzogen hatte, erschien am Eingang der kleinen Schlucht ein Zwerg. Er hatte eine dieser neumodischen Musketen angelegt, senkte sie aber, als er keine weiteren lebenden Grünhäute ausmachen konnte. Ein Kettenhemd mit einer Lederweste darüber, ein breitkrempiger Lederhut, zweifellos über einen Helm gezogen, eine über den Schultern herausragende Spitzhacke, Spaten, Umhängetaschen und mindestens eine dieser seltsamen Schusswaffen; ohne Zweifel hatten wir es hier mit einem dieser zwergischen Prospektoren zu tun, die seit einiger Zeit durch die Lande streifen.
Auf dem Rückweg nach Zendar unterhielt ich mich ein wenig mit ihm. Sein Name ist Skarr Drognissohn und er ist tatsächlich ein solcher Prospektor. Offenbar war er schon länger hinter einer Goblinrotte her, wir haben die letzten Überlebenden scheinbar ausgelöscht. Er will nach Zendar, um neues Schwarzpulver zu kaufen, und dann weiterreisen.
Im Dorf verabschiedete sich Skarr von uns und ging seiner Wege. Wir übernachteten wieder, glücklicherweise haben sich mal endlich einige Leute vorher ein Bad gegönnt.
Am nächsten Morgen beschlossen wir, noch einen Abstieg in die Tunnel der Kanalisation zu wagen. Lat-Tschatu hatte allen den Mund mit den Schätzen wässrig geredet, so dass kaum jemand von dem Gedanken abzubringen war. Wir wählten also einen anderen Gang als vorher und liefen prompt wieder einer kleinen Gruppe von fünf Skeletten über den Weg. Diesmal waren wir etwas vorsichtiger, doch der Kampf dauerte schon lange genug. Ich half Grimalda gegen eines dieser Schreckensbiester, so dass ich nur wenig vom Verlauf des Kampfes bei den anderen sehen konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Benni und Lat-Tschatu ein Skelett relativ schnell überwältigt hatten. Aldagrim konnte sich gut behaupten, aber Jarvena ging nach einigen hart geführten Schlägen in die Knie und sank bewusstlos zusammen. Das Skelett, das noch drohend über ihr stand, holte gerade zum tödlichen Schlag aus, als sich zu meiner Überraschung Lat-Tschatu selbstlos dazwischen warf. Das war ein Zug des Händlers, den ich nicht erwartet hatte, muss ich zugeben.
Grimalda und ich überwältigten unseren Gegner schließlich auch, da bemerkte ich, dass Lucian offenbar einen ungünstigen Treffer eingefangen hatte. Nach einem Schlag des schwarzen Skelettes wand sich Lucian wie unter Schmerzen, zuckte wie wild und plötzlich platzte ein Teil seiner Kleidung. Darunter spannten sich gewaltige Muskelmassen an, schwarze, feste Haare bedeckten die dunkler werdenden Haut und Lucians Kopf verwandelte sich in eine albtraumhafte Fratze, mit einem Kiefer so groß, dass er problemlos Bennis Kopf hätte ins Maul nehmen und zerquetschen können. Mit zwei gewaltigen Klauen hieb das Wesen nun auf das Skelett ein und zerbröselte es innerhalb von kurzer Zeit.
Dann krachte es plötzlich wieder, ein Donner grollte durch die Tunnel und ich hielt mir erschrocken die Hände an die Ohren. Ein weiterer Schuss und das Skelett, das eben noch Jarvena töten wollte und nun Lat-Tschatu bedrohte explodierte in einem Knochenregen.
Ich werde niemals mehr die Auswirkungen von Lärm unter Tage unterschätzen, das habe ich mir heute geschworen. Ich sah Skarr, wie er seine Muskete hastig schulterte und zwei dieser Schießstöcke zog, welche die Zwerge Revolver nennen.
Er richtete die beiden Feuerstöcke auf die albtraumhafte Gestalt, die vor wenigen Sekunden noch Lucian gewesen war.
„Und nun zu dir, du mörderisches Monster!“


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Beitrag 25.11.2005 - 17:34
Beitrag #12


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Session: 20.11.2005

Skarr zielte auf das Werwesen, aber Grimalda sprang plötzlich dazwischen und schrie, dass er die Waffe senken solle. Der Zwerg wirkte etwa ebenso verwirrt wie ich.
„Mädchen, nenn mir einen guten Grund.“
„Hm, er gehört zu uns und ist unser Freund, ist das Grund genug?“
Grimalda schien mir mehr über Werwesen zu wissen als ich, deswegen hielt ich mich zurück. War dieses Monster wirklich noch Lucian? Ist dies angeboren, eine Krankheit oder eine willentliche Kraft? Ich weiß es nicht, doch der riesige Wolf steht still vor uns und rührt sich nicht, starrt gebannt auf Skarr und Grimalda, als würde er vermeiden wollen, dass durch eine hektische, ungewollte Bewegung seinerseits die Situation eskaliert.
Schließlich senkte Skarr seine seltsamen Waffen und steckte sie in seinen Gürtel. Er murmelte irgendetwas, was verdächtig nach „bei euch wundert mich gar nichts mehr“ klang und spielte damit wahrscheinlich auf den Vorfall mit den Goblins und dem Alchimisten an, dessen nähere Umstände ich hier aus Gründen von zweifelhafter Legalität nicht weiter nenne.
Wie dem auch sei, Lucian winselte und deutete auf klaffende Wunden, und Grimalda kümmerte sich mit ihrer bewundernswerten Heilmagie darum.
Erst jetzt fiel mir der junge Mann auf, der Skarr gefolgt war und verschüchtert um die Ecke schaute. Ein Riese von fast zwei Metern, aber höchstens 25 Jahre alt. Wer schickt denn bitte so ein Kind noch auf Reisen, und dann besonders durch das nördliche Tinor?
Der Junge kam nach vorne. Er trug einen Heilerumhang, möglicherweise wendet sich endlich unser Schicksal. Die Fähigkeiten eines ausgebildeten Heilers übersteigen bei Weitem meine kläglichen Kenntnisse der Heilkunst, auch wenn ich – zum Vorteil für meine Begleiter – in der Lage bin, einige der von den Heiler verwendeten Kräutern zu verwenden.
Dass es mit den Künsten Leonardos nicht so weit her ist zeigen seine misslungen Heilversuche an Aldagrim, der jedes Mal vor Schmerzen ein Stöhnen unterdrücken musste, wenn der Junge danebengriff bei dem Versuch, die Wunde zu schließen. Schließlich stieß der resolute Söldner Leonardo fluchend von sich und rief mich zu sich. Im Moment noch scheine ich größeres Vertrauen zu genießen, was die Heilkunst angeht, aber ich bin sicher, dass Leonardo sich bei meinen Begleitern die richtigen Studienobjekte ausgesucht hat, um seine Kunst zu vervollständigen.
Nachdem selbst Jarvena wieder auf den Beinen war, ein wenig Salwurz tat dazu sein Übriges, zogen wir nach einer kurzen Abstimmung weiter. Nachdem Grimalda ein kurzes Gespräch mit Skarr unter vier Augen geführt hatte, zog dieser murmelnd mit seinen Waffen im Anschlag hinter uns her. Als ich Grimalda fragte, was sie mit ihm besprochen hatte, zwinkerte sie nur, rollte bedeutungsvoll mit den Augen und meinte „geheim“.
Ansonsten begegnete uns nichts Nennenswertes in diesen katakombenähnlichen Kanalisationsgängen. Wir trafen noch auf eine Gruppe wandelnder Leichen, die wir recht schnell in Brand stecken oder zerstören konnten. Danach mussten wir fast eine Stunde warten, bis der Rauch soweit abgezogen war, dass man wieder atmen und die Hand vor Augen sehen konnte.
In einer weiteren Kaverne dieser Kanalisation, deren Zustand übrigens bisher beeindruckend gut ist, hatte sich eine Rotte von außergewöhnlich großen Spinnen versammelt. Skarr und Lucian konnten bereits „zusammenschießen“, wie Skarr es nannte, aber die restlichen griffen uns mit übernatürlicher Geschwindigkeit an.
Aldagrim, der in einen Kampf mit gleich zwei dieser Monster verwickelt war und damit beschäftigt war, den rasiermesserscharfen Zangenwerkzeugen dieser Spinnen auszuweichen, wurde von der Wurfwaffe Leonardos hart im Bauch getroffen. Ich bin sicher, der Heiler wollte Aldagrim unterstützen und die Spinnen attackieren, aber der Wurf ging grandios daneben, so dass sich der fluchende Söldner schwer verletzt zurückziehen musste. Ich stürmte mit Benni auf die beiden Spinnen los, die im Begriff waren, Aldagrim hinterher zu rennen und auch Jarvena angreifen wollten.
Nach dem relativ kurzen Kampf, den auch zum großen Teil Lucian für sich entscheiden konnte, kümmerte ich mich um Aldagrims Wunde. Der Söldner weigerte sich, sich von diesem „Stümper“ behandeln zu lassen.
Ich wundere mich im Moment sowieso etwas. Erstens darüber, dass noch niemand Lucian auf diese Verwandlungsfähigkeit angesprochen hat und zweitens darüber, dass wir den wohl gierigsten Heiler zu unseren Begleitern zählen.
Ob in der Halle mit den vertrockneten Leichen oder in dieser Kaverne hier, es standen an den Seiten einige Kisten und Fässer, die offenbar noch aus der Zufluchtszeit während der Grünhaut-Invasion stammten. Leonardo stürmte diese Kisten und Fässer ziemlich direkt und durchsuchte sie gierig. Hier löste er dabei einen alten Sicherungsmechanismus aus, der ihn von den Kisten wegschleuderte und die Deckel quer durch unsere Reihen feuerte.
Als wir etwa zwei Stunden weiter gezogen waren, Jarvena bildete zusammen mit Skarr das Schlusslicht, gelangten wir an eine Treppe, die in die Tiefe führte. Lat-Tschatu, der die Karte der Kanalisation vom Dorfältesten bei sich führte, informierte uns darüber, dass es hier wohl zur zweiten Ebene der Kanalisation gehen würde. Er glaubte, laut den Inschriften auf der Karte, dass diese Ebene aber nicht als Abfluss benutzt wurde sondern während der Zuflucht als Katakomben. Lat-Tschatu mutmaßte mit seinem Händler-Instinkt, dass dort unten wohl die Schätze zu finden seien, von denen Bürgermeister Johannsen gesprochen hat.
Ich bin ja immer noch der Meinung, dass dieser Johannsen cleverer ist, als er meine einfältigen Begleiter glauben machen will. Der Einwurf mit den Schätzen war der Köder, mit denen er Lat-Tschatu und die anderen einfing, um die Brunnenzufuhr von dem Gift zu befreien, aber jetzt dient es wohl noch dazu, dass wir hier unten Leib und Leben riskieren, damit diese Kanalisation von den Schrecken hier unten befreit wird. Mir ist ganz und gar nicht wohl dabei, doch meine Begleiter scheinen, bis auf Skarr, keinerlei Bedenken zu haben. Was die Aussicht auf Gold doch alles bewirken kann.
Jarvena war mit Skarr gerade über die Steinmetzarbeiten der Zwerge am sprechen, aus denen dieses unterirdische Labyrinth besteht, in dem sich der Zwerg sichtlich wohl fühlte. Skarr hob gerade die Arbeit der Zwerge an dieser Kanalisation hervor, als unter Lat-Tschatu, Lucian, Aldagrim, Leonardo und Grimalda die Steintreppe zusammenbrach und sie einige Meter in die Tiefe stürzten. Unbeeindruckt meinte Skarr nur, dass natürlich auch Menschen bei der Errichtung dieser Gewölbe geholfen hätten. Diese Treppe zum Beispiel wäre typisch menschliche Pfuscharbeit. Mit einem Seufzen machte ich mich, durch ein Seil gesichert, an den Abstieg zu meinen verletzten und deshalb umso streitsüchtigeren Kameraden auf der zweiten Ebene.


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Medivh
Beitrag 29.11.2005 - 22:45
Beitrag #13


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Session: 27.11.2005

Nachdem Leonardo und ich die anderen, die gestürzt waren, soweit versorgt hatten, wollten diese auch gleich weiterziehen.
Ich habe an dieser Stelle erstmals gegen alle anderen entschieden und mich geweigert, auch nur einen Schritt weiter in diese Katakomben zu machen, Leib und Leben zu riskieren wegen eines Schatzes, den sich ein cleverer Bürgermeister ausgedacht hat, um uns zur Säuberung dieser Anlage zu bewegen. Grimalda stimmte mir zu und blieb bei mir, zusammen wollten wir den Ausgang bewachen und auf die anderen warten.
Gleich das erste Skelett in einem Alkoven, das Lat-Tschatu berührte, um ihm ein Armband abzustreifen, griff nach dessen Handgelenk und versuchte, aus dem Alkoven herauszurollen. Nachdem der Händler erfolglos panisch darauf eingedroschen hatte, setzte Skarr mit einem weiteren Donnern dem Skelett ein Ende.
Kurz darauf verfielen Lat-Tschatu und Jarvena in eine Diskussion über Moral bei Grabplünderungen; der Carromer weigerte sich schlichtweg, Jarvenas Standpunkt anzunehmen und zog zusammen mit Benni tiefer in die Katakomben. Die Amazone verfolgte die anderen laut fluchend und mit dem Schwur auf den Lippen, dem Händler genau auf die Finger zu sehen.
Wenig später hörten wir weit vor uns Schreie und Kampfeslärm, doch die Akustik in solchen unterirdischen Anlagen kann bisweilen täuschen, wie wir herausgefunden haben. Das Donnern von Skarrs Waffen war jedoch unüberhörbar und selten ein gutes Zeichen, zumal der Zwerg vorher angedroht hatte, seine wertvolle Munition nur noch im äußersten Notfall für „diesen Haufen irrer Goblinfresser“ zu opfern.
Lat-Tschatu schleppte sich uns entgegen, den rechten Arm unnatürlich abgewinkelt, und rief uns um Hilfe. Ich hieß ihn, hier zu warten und stürmte mit Grimalda in den Gang. Was wir erreichten war ein Schlachtfeld. Meine Begleiter hatten offenbar eine ganze Begräbnisstätte aufgeweckt. Ich sah gerade noch ein größeres Skelett in einer funkelnden Kettenrüstung aus einem Schutthaufen aufstehen, dann drängte uns Lucian zurück.
Mit einiger Arbeit gelangten wir wieder zurück in die erste Ebene. Gerade noch rechtzeitig, möchte ich meinen, denn aus der Dunkelheit drang das Ekel erregende Knacken wandelnder Skelette an unsere Ohren und Grimalda konnte sich im letzten Moment die zerstörte Treppe hochziehen, als eines der untoten Biester mit seiner Waffe Funken schlug an der Stelle, wo Grimalda eben noch gehangen hatte.
Lat-Tschatu wurde von Aldagrim gestützt und beide versuchten, ins Dorf zum Medicus Armin Steinbrück zu gelangen. Wenig später kamen sie auch wieder zurück, einige alchimistische Tränke zum Heilen von Wunden im Gepäck und zu meiner Verwunderung – Wurfspeere. Meister Steinbrück selbst stieß etwa eine halbe Stunde später zu uns und kümmerte sich um einige Wunden, während Lat-Tschatu auf der Treppe stand und mit den Speeren einige der Untoten aufzuspießen und zu vernichten versuchte. Ich weckte Jarvena mit etwas Salwurzkraut wieder auf.
Die Amazone wurde kreidebleich, als sie bemerkte, dass ihre Waffe nicht hier oben war. Lat-Tschatu gestand sich ein, sie unten in der Halle vergessen zu haben, als er Jarvena aus der Reichweite des goldgerüsteten Skelettes herausgeschleift hatte.
Mit einem ätzenden verbalen Seitenhieb sagte er mir allerdings direkt, dass es da unten sehr wohl einen Schatz gäbe. Er habe ihn gesehen, sich aber dazu entschieden, zuerst Jarvena zu retten. Ich bin ja der Meinung, dass sein Leben ihm ein größerer Schatz sein sollte als ein schnöder Haufen Gold, der am Ende sowieso nur eine Einbildung im Gewimmel der Dunkelheit war.
Jarvena wollte sich direkt wieder ins Getümmel stürzen, konnte aber selbst noch kaum stehen. Lat-Tschatu überraschte mich erneut, als er sich bereit erklärte, für die Wiederbeschaffung von Javenas Langschwert zu sorgen, weil er die Sache immerhin „verbockt“ habe, wie er sich ausdrückte. Jarvena und Lucian verschossen alle ihre Pfeile und Bolzen, in dem Versuch, die Masse der Skelette um einige zu reduzieren, doch es wollten einfach nicht weniger werden.
Schließlich konstruierten Skarr und Armin gemeinsam etwas, das sie Zeitbombe nannten. Nach langem Hin und Her, wie dieses Ding in der Reihe der Skelette platziert werden sollte, fiel die Wahl auf Grimaldas Können.
Mit Schweißperlen auf der Stirn ließ die Hexe diese Bombe schweben und sie verschwand unter dem Treppenabsatz, außerhalb der Sichtweite. Das würde die Sache ja so schwer machen, behauptete Grimalda. Als wir wenig später ein Krachen hörten und die Erde erzitterte, meinte Skarr, das Ding wäre „hochgegangen“. Ich muss mich doch sehr über die Ausdrucksweise dieser Zwerge wundern.
Ich legte mich flach auf den Boden von dem, was von der Treppe noch übrig war, und blickte in die Katakomben. Staub rieselte immer noch von der Decke, die rußgeschwärzt einige Risse aufwies. Nachdem sich der Qualm und Staub verzogen oder gelegt hatte, schälten sich nur drei Umrisse aus der Dunkelheit. Zwei einfache Skelette und das in der goldenen Rüstung, das zu allem Übel auch noch Jarvenas Waffe trug.


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Medivh
Beitrag 18.05.2006 - 15:45
Beitrag #14


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Sessions: 15.08.2005, 20.11.2005, 18.12.2005, 20.01.2006 und 12.04.2006

Gemeinsam stiegen wir hinab, um den drei verbliebenen Skeletten die Stirn zu bieten. Wie eine Mauer aus Knochen standen die drei dort und warteten, bis wir in Angriffsposition waren. Die beiden flankierenden Skelette zu beseitigen stellte selbst für Grimalda und Lat-Tschatu kein Problem dar, doch als Benni mit einem gezielten Fausthieb von dem goldgerüsteten Skelettkrieger niedergestreckt wurde, machte ich mir langsam doch Sorgen. Ich hatte das Gefühl, das Skelett wäre etwas größer geworden, ich kann mich jedoch auch irren.
Ich kämpfte mit meinem Eisenhammer und meinem Schild, da ich Jarvena meinen Zweihänder geliehen hatte, damit sie wenigstens in den Kampf eingreifen konnte. Das Skelett fixierte die Amazone kurz und schlug sie dann mit einem gezielten Hieb nieder. Für einen Untoten war das Skelett verflucht schnell, Jarvenas Waffe in der einen Hand und einen bronzenen Streitkolben in der anderen. Es schlug so heftig gegen meinen Schild, dass ich kurz das Gleichgewicht verlor, was das Skelett dazu als Gelegenheit benutzte, mir den Zweihänder Jarvenas quer über den Rücken zu ziehen. Überwältigt von Schmerzen sackte ich zusammen und sah aus dem Augenwinkel noch, wie Lat-Tschatu sich in vollem Ansturm gegen den untoten Krieger warf und ihn zurückdrängte.
Unter großen Anstrengungen drehte ich mich auf meinen verwundeten Rücken und lag damit zwischen Jarvena und Benni, neben dem wiederum Aldagrim schwer verwundet lag. Ich sah durch meine vertränten Augen, wie Grimalda versuchte, den Söldner aus der Gefahrenzone zu ziehen und Lucian, der wieder seine zweite Gestalt angenommen hatte, zog Benni trotz gebrochenen Beines ebenfalls in Richtung Ausgang.
Skarr zog seelenruhig eine seiner seltsamen Waffen und lud sie, während er mit einem Auge den entbrannten Kampf zwischen dem Skelett und unserem Händler beobachtete. Ich war erneut überrascht, denn Lat-Tschatu hielt sich erstaunlich gut. Doch dieses Kampfesglück konnte einfach nicht von langer Dauer sein, und so kündigte ein unangenehmes Knacken das Brechen von lat-Tschatus Arm an, als das Skelett seine Deckung durchbrach. Der Carromer wurde zurückgeschleudert und sank zu Boden, just in diesem Augenblick schoss Skarr.
Ich bin immer wieder schockiert von dem Krach, den Skarrs Ausrüstung verursacht, doch es zeigte Wirkung. Das untote Monster wurde, von einem Treffer durchgeschüttelt, in einen Gang zurückgedrängt. Skarr überlegte nicht lange und feuerte eine seiner zerstörerischen Ladungen auf die brüchige Decke über der Monstrosität. Das alte Gemäuer gab direkt nach und stürzte mit viel Staub und Lärm auf das Skelett in der goldenen Rüstung nieder.
Ich rappelte mich hoch so gut es ging und unterstützte die anderen bei ihrem Rückzug, indem ich Lat-Tschatu auf die Beine half. Mit einem erschöpften Lächeln hielt er in seinem nicht verletzten Arm Jarvenas Zweihänder fest.
Das Bröckeln von Steinen ließ uns mit unangenehmen Vorahnungen aufhorchen. Wie in Trance drehten Lat-Tschatu und ich unsere Köpfe und sahen zu, wie sich das Skelett aus dem Trümmerhaufen wieder langsam erhob. Es streckte den Arm aus und wies auf uns, drehte sich anschließend um und verschwand in dem dunklen Gang.
Diese eine Geste verursachte bei mir ein Schaudern, wie ich es noch nie gespürt hatte, ein ungutes Gefühl jenseits Allem bisher Bekannten. Wenn ich gewusst hätte, wie wenig mich mein Gefühl enttäuschen würde, ich wäre so weit geflohen wie möglich.
An die darauf folgenden Tage erinnere ich mich nur wenig. Wir nutzten die Zeit, um ein wenig zu Kräften zu kommen, bevor wir in Richtung Osten aufbrachen.

Wir überquerten den Duma und erreichten wenig später Roncador, eine der größeren Städte hier im Norden. Wir trafen in der Stadt just zu einer Gerichtsverhandlung ein, es ging darum, dass ein Bauer seine Grundsteuer nicht zahlen konnte. Bereitwillig sprang Jarvena für ihn ein und entrichtete die Steuer, was ihr Respekt und Anerkennung bei der Bevölkerung entgegenbrachte und die Aufmerksamkeit einer ihrer Ordensschwestern, die offenbar rangmäßig über ihr stand, denn Jarvena selbst erwies dieser höchste Ehren. So kannte ich die stolze Amazone noch gar nicht.
Während wir versuchten, Lat-Tschatu auszulösen – er hatte vor versammelter Menge versucht, den Richter bezüglich der Grundsteuer runterzuhandeln und war dabei auch vor Bestechung nicht zurückgeschreckt – unterhielt sich Jarvena mit der anderen Amazone, die Herasa hieß und von Jarvena ehrfurchtsvoll eine Walküre genannt wurde. Wie sie uns später knapp umrissen erzählte, hatte Herasa außerhalb von Roncador in einer Handwerkerbehausung eine niedergemetzelte Familie gefunden, bei der das Familienoberhaupt fehlte und nur ein kleines, verschrecktes Mädchen übersehen wurde, das sich irgendwo versteckt hatte. Erstmals wurde hier als möglicher Täter von Herasa auch ein wahnsinniger Massenmörder namens Pat Bateman ins Gespräch gebracht, was mir zwar einen Schauer über den Rücken jagte, der aber im Vergleich zu jenem in den Katakomben unter Zendar wie ein sanftes Kribbeln ausfiel.
Wo wir gerade von Zendar sprechen. Meine Begleiter fanden dort keine Antwort auf die Frage, welche auch immer sie gerade beschäftigt haben mag, und deshalb fragten sie sich nun auch in Roncador durch. Aldagrim schien völlig aufgeregt, doch wollte er mir noch nicht erzählen, worum es überhaupt ging. Er möchte das erst noch etwas allgemeiner wissen, ob es sich um Einzelfälle handle oder nicht. Es wäre wichtig, dass wir weiter zögen und mehr herausfänden meinte er.
Von Roncador aus zogen wir also nach Süden zu einem Dorf namens Xaros. Meine Erinnerungen schwanken hier ein wenig, da ich zu jener Zeit nicht zum Schreiben kam. Fest steht jedoch, dass uns Skarr dort verließ und querfeldein durch die Steppen Tinors zog, ständig „auf der Suche“, wie er sagte.
Aldagrim stieß dort auf weitere Ereignisse, die seinen Verdacht, den er in Roncador aufgestellt hatte, unterstützten, und so ließ er mich nun auch langsam daran teilhaben. Dem Söldner und Jarvena war wohl anhand ihrer Fragen aufgefallen, dass ihnen die Bewohner von Roncador und nun auch Xaros von einigen ermordeten oder entführten Menschen berichteten und sogar von abartigen Grabschändungen von gerade erst Beigesetzten, bei denen regelmäßig die Leichen gestohlen wurden. Aldagrim zählte viele verschiedene Personen auf, darunter Kunstschlosser, Steinmetze (wir erinnern uns dabei an die Vorfälle in Gantero und Idora), Schreiner, Köche, Bildhauer, Steinbrecher, Holzfäller, Schmiede, Kunstschlosser und Klempner. Meine Begleiter und ich können uns keinen Reim darauf machen, aber ich fürchte, ihr Interesse ist geweckt und sie werden der Sache nun auch in den umliegenden Ortschaften verstärkt nachgehen, selbst wenn dies im Zweifelsfalle bedeuten sollte, dass wir wieder in bereits besuchte Städte und Dörfer wie Nazar, Estotil und Chionil reisen müssen.
Aldagrim erwähnte dabei jedoch auch das Interesse eines Halphas-Priesters namens Bruder Lamora für die Unglücksfälle von Leichendiebstählen, ging jedoch nicht weiter darauf ein. Aber es ist schon mal gut zu wissen, dass noch andere Personen dieser Idee nachgingen.
Während meine Begleiter also Pläne schmiedeten unterhielt ich mich fachlich in unserem Gasthaus in Xaros mit dem Barden Tracoda. Ich muss neidvoll gestehen, dass dieser Mann ein wahrer Beherrscher der Instrumente ist. Auf Jarvenas Frage, was jemand mit seinem Talent ausgerechnet in einem langweiligen Provinzkaff wie Xaros verloren hätte, antwortete Tracoda ausweichend. Offenbar war ihm das Thema peinlich, doch Benni und Lat-Tschatu sorgten, anhand großzügiger Spenden und einiger Runden gesprächsbereit machenden Alkohols dafür, dass uns der Barde sein Leid klagte. Er war vor fast drei Jahren in Tinor von einem Mann, der sich als Magier ausgab, angesprochen worden und dieser versprach ihm eine ungeheure Summe an Geld für seine Dienste als Musiker, er müsse allerdings hier in Xaros auf weitere Anweisungen warten. Er meint, er käme sich langsam albern und lächerlich dabei vor, hier zu warten und würde nach Verstreichen einer Dreijahresfrist seine Sachen packen und weiterziehen.
An alle Details dieser Nacht erinnere ich mich nicht mehr, jedoch weiß ich trotz meines alkoholschweren Schädels dieser Nacht noch, dass es plötzlich Aufruhr gab, als Tracoda aus seinem Zimmer spurlos verschwand. Das Fenster war eingeschlagen, die Scherben lagen außen, aber weit und breit waren keine Spuren zu finden. Der offenbar entführte Barde hatte alle seine Besitztümer zurückgelassen mit Ausnahme eines seltsamen Instrumentes, dessen Namen ich mir nicht merken konnte. Nach etlichen Nachforschungsversuchen mussten wir es, auch tags darauf, auf sich beruhen lassen, es fanden sich einfach keinerlei Hinweise.
Als wir das Dorf schließlich in Richtung Westen, nach Quaril, verließen, wurde Aldagrim ein Zettel von einem plötzlich aufkommenden Windstoß ins Gesicht geweht, auf dem nur „Vyr 818“ stand. Was auch immer damit gemeint ist, wir wussten es nicht. Jeder, den wir fragten, wusste ebenfalls nichts damit anzufangen. Die meisten fragten nur: „Ist das ein Kraut?“

In Quaril, das wir wenige Tage später ohne Zwischenfälle schließlich erreichten, erwarteten uns weitere Unannehmlichkeiten. Ein Junge war dort der Obhut seines Pflegers entwischt und attackierte Aldagrim hart, als wir das Dorf erreichten. Anschließend fiel der Junge wieder in einen heilsamen Schlaf, nicht, ohne Aldagrim vorher noch kräftig eins dort überzuziehen, wo es richtig weh tut.
Irgendwie ist der Söldner wohl das Hauptziel solcher Attacken. In Idora wurde er ja auch von einem geistig umnachteten Kind angefallen.
Der Vorfall selbst ist uns ein Rätsel und hat mich persönlich schwer erschrocken, meine Begleiter machen sich aber offenbar keine weiteren Gedanken darum. Im Gegenteil, ihr Interesse war wieder entfacht, als sie hörten, dass der Vater des Jungen vor einigen Monden in seiner Glasbläserwerkstatt brutal auseinander gerissen wurde und der Junge ihn so fand. Als sie nach einigen Fragen auch vom Verschwinden eines Zimmermanns vor einigen Jahren erfuhren war für meine Begleiter ein Zusammenhang zwischen diesen Fällen wieder glasklar.
Bevor wir jedoch nach Ugerion aufbrachen gab es eigentlich nur noch einen Zwischenfall zu bemerken. Nach einer ruhigen Nacht kam uns der Dorfbüttel besuchen und fragte nach, was wir in dieser Nacht so getrieben hätten. Da wir uns allesamt in der Kneipe aufgehalten hatten und dort auch genug Dorfbewohner waren, die das bezeugen konnten, gab er sich zufrieden und wollte uns wieder in Ruhe lassen, doch erneut war das Interesse geweckt.
Auf einige gezielte Fragen hin antwortete der Mann, dass es nur um einen leichten Diebstahl ginge, sonst nichts.
Sich damit zufrieden gebend zogen meine Begleiter und ich also weiter nach Westen.

Der Beitrag wurde von Medivh bearbeitet: 18.05.2006 - 17:50


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Medivh
Beitrag 18.05.2006 - 17:49
Beitrag #15


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Mir wurde auf einmal ganz schwindelig und trüb vor Augen, als ich diese Zeilen während meiner Nachtwache schrieb. Ich glaubte, aus dem Augenwinkel eine Gestalt an unserem Lagerfeuer zu sehen, doch erst, als Aldagrim aufgeregt auf einen Schriftzug in der Asche unseres plötzlich erloschenen Feuers hinwies traute ich meinen Augen wieder etwas zu.
Dort stand erneut jene seltsame und rätselhafte Kombination Vyr 818, mit der wir nichts anfangen können. Ebenso rätselhaft ist die Identität der Gestalt, die mit ihren Stiefelspitzen jenen Schriftzug in die Asche drückte und ansonsten spurlos verschwand.
Etwas bedrückt von all diesen rätselhaften Ereignissen erreichten wir jedoch zwei Tage später das Dorf Ugerion, zu dem wir von Quaril aus einem verwitterten Wegweiser gefolgt sind.
Aldagrim und Jarvena zogen sogleich los und erkundigten sich nach ihren Lieblingsfragen der letzten Zeit, während ich bei Lat-Tschatu und Benni blieb. Der Händler bot seine Waren auf dem kleinen Marktplatz dieses in feuchtem Grasland gelegenen Dörfchens an und erfuhr auch, dass Ugerion bekannt ist für sein gutes Holz, das in einem nahe gelegenen Wald hier geschlagen wurde.
Lat-Tschatu bestand darauf, auf die nächste Lieferung des Holzfällerlagers zu warten, was uns einige Tage Zeit verschaffen würde. Ich entschloss mich also dazu, zusammen mit Aldagrim und Lucian zu diesem Holzfällercamp in „Erreths Wald“ zu ziehen und mich dort ein paar Tage nützlich zu machen. Vielleicht kann ich dort von den beschäftigen Männern auch einige nützliche Informationen bekommen.
Vorher jedoch kehrten der Söldner und die Amazone mit Nachrichten zurück, die uns wenig überraschten. Ein Dachdecker und ein Zimmermann wurden vor einigen Jahren brutal ermordet und ein frisch geweihter Schmied verschwand spurlos. Meine Begleiter hatten auch den örtlichen Bestatter, Mister Gray, befragt und dabei herausgefunden, dass Leichendiebstähle und Grabschändungen in Ugerion keine Seltenheit seien. Auf eine genaue Frage hin erinnerte er sich auch an die Berufe der geschändeten Leichname. Diese seien Zimmerleute und Holzfäller gewesen, wie sie in Ugerion ja zahlreich vorkommen, sowie Ledergerber, Schmiede, Schafhirten und Bauersfrauen. Aldagrim sieht damit seine Theorie weiter als bestätigt an, erwähnte jedoch auch hier wieder einen Glaubenskämpfer des Halphas, der den Leichenbestatter vor einigen Jahren ebenfalls ähnlich wie befragte.
Just in diesem Augenblick tauchte ein weiterer Kaufmann mit seinem Karren auf, der es offenbar recht eilig hatte. Lat-Tschatu sprach ihn an und wollte ihm den Wagen abkaufen – er hatte sich die Idee, fortan als Händler für gutes Ugerion-Holz aufzutreten, wohl fest in den Kopf gesetzt – doch der Kaufmann lehnte freundlich ab. Es war Meldor, der alte Mann, dem wir schon öfters hier in der Umgebung begegnet waren. Er war gut gelaunt und informierte uns darüber, dass er wieder weiter in Richtung Norden ziehen würde, weil dort offenbar eine uralte Plage aufgewacht ist. Dort würden jede Menge Waffen und Rüstungen aus seinem Sortiment gebraucht werden. Lat-Tschatu fragte vorsichtig nach, was er denn meine und Meldor antwortete vergnügt, dass den Gerüchten zufolge Chadast der Goldene erweckt wurde. Mir sagt dieser Name nichts, aber ich erinnere mich mit Schaudern an das in Gold gerüstete Skelett, das uns fast das Leben gekostet hätte. Der Umstand, dass Lat-Tschatu mehrmals die Farbe wechselte sagte mir eigentlich schon genug. Er versetzte mir direkt einen Stoß in die Rippen, als ich in Richtung Meldor zu einer Frage ansetzte, und zischte mir zu, dass er mir das später erklären würde. Warum bin ich nur nie überrascht von meinen dunklen Vorahnungen?
Der Söldner, Lucian und ich zogen anschließend nach Süden zu besagtem Wald, um uns dort ein wenig unter die Leute zu mischen. Dort gibt es entweder genug Bäume oder zu wenig Leute, jedenfalls wurden wir mit Handkuss aufgenommen. Berichte der Holzfäller über gelegentliche Attacken von Grünhäuten und seltsamen Riesenspinnen sowie das Gerücht, dass sich ein Troll in dem Wald herumtreiben würde, stießen bei Aldagrim und Lucian auf Interesse, ich konnte die beiden jedoch davon überzeugen, dass wir jetzt nicht noch Jagd auf Trolle machen würden.
Wenig später am Tag traf auch schon Lat-Tschatu ein und nahm mich zur Seite. Er erklärte mir, dass das golden gerüstete Skelett wohl durch seine Schuld erweckt wurde. Chadast der Goldene. Der Name ging mir von da an nicht mehr aus dem Kopf, während ich Bäume hackte, die in ihrer Rinde auffällige Ähnlichkeiten mit dem Gesicht von Lat-Tschatu hatten.

Müde fiel ich abends in mein Feldbett. Wir übernachteten im Lager der Holzfäller, der Weg zum Dorf zurück hätte sich nicht gelohnt und einige Stunden in Anspruch genommen. Schließlich wurde ich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerissen, als Grimaldas Wanderfalke über dem mir zugewiesenen Zelt randalierte. Er hatte eine Nachricht dabei, die ich sofort las. Darin stand nur, dass Lat-Tschatu eine Horde Untoter beobachtet hatte, die auf dem Friedhof von Ugerion erstand und dass jeder waffenfähige Mann im Dorf gebraucht werden würde. Wütend machte ich mich schnell fertig für den Aufbruch und informierte die Holzfäller. Warum konnte man diesen Händler nicht einfach mal ein paar Stunden alleine lassen, ohne dass direkt irgendetwas passierte. Was treibt der eigentlich um Mitternacht auf dem Friedhof von Ugerion?
Als wir einige Stunden später im Dorf ankamen, wurde es schon fast wieder hell. Jarvena, Lat-Tschatu, Grimalda, Benni, Leonardound ein mir unbekannter Mann in der typischen Tracht eines Magiers warteten vor dem Friedhof auf uns. Die Dorfbewohner selbst hatten sich ängstlich in ihren Hütten verbarrikadiert. Lat-Tschatu ignorierte die Frage, was er überhaupt auf dem Friedhof zu suchen hatte und stellte mir den Unbekannten als Zinn vor, seines Zeichens, wie ich bereits richtig vermutete, Magier und Reliquienhändler. Danach erzählte er ausschweifend seine Erlebnisse, angefangen damit, dass er auf dem Friedhof ankam und eine seltsame gebeugte Gestalt aus einem Kreis grünen, leuchtenden Nebels heraustreten sah. Die Gestalt schlurfte zum nächsten Grab, sank auf die Erde und begann laut Lat-Tschatu eine Beschwörung in einer unbekannten Sprache, die dem Händler ebenso alt wie gefährlich vorkam. Zinn bestätigte dies mit einem Schaudern, was mich beunruhigte. Meiner Einschätzung nach ist dieser Mann recht fähig auf seinem Gebiet, und was einen Spezialisten zum Schaudern bringt ist für einen einfachen Mann wie mich gut genug zum Flüchten.
Mit schuldbewusst gesenktem Blick erwähnte Lat-Tschatu noch beiläufig, dass er aus der Anrufung dieser Gestalt den Namen Chadast heraushören konnte. Wunderbar, genau so habe ich mir das vorgestellt.
Anschließend sei die Gestalt unverrichteter Dinge wieder aufgestanden und zurück in den leuchtenden Kreis geschlurft. Kaum hatte sie diesen passiert, brachen überall auf dem Friedhof die Leichen aus dem Boden, gruben sich ins Freie und zogen ebenfalls unaufhaltsam in den Leuchtkreis. Dass sie wirklich unaufhaltsam waren stellten meine von Lat-Tschatu lauthals und eilends herbeigerufenen Begleiter schnell fest. Jarvena hatte gar versucht, sich zwischen den Leuchtkreis und eine der wandelnden Leichen zu stellen, wurde dann jedoch angegriffen und war gezwungen, den Zurückgekehrten zu vernichten. Laut eigener Aussage schlug sie ihn mit ihrer Waffe in zwei Hälften, doch die Teile des Leichnams krochen selbst dann noch weiter auf das Tor zu. Anschließend, so meine Begleiter, hätten sie versucht, einige der wandelnden Toten zu binden, diese stellten sich jedoch als viel zu stark heraus. Selbst Benni, dessen körperliche Kräfte nun wirklich nicht zu unterschätzen sind, war nicht in der Lage, auch nur einen dieser Zombies festzuhalten. Was meine Begleiter sich jedoch davon versprachen, wenn sie ein paar Zombies und Skelette zurückhalten konnten, verschloss sich mir.
Nach einigem Hin und Her beschlossen wir, dass wir es darauf beruhen lassen würden. Was hätten wir auch schon tun können? Ich fragte Lat-Tschatu noch nach diesem Magier und er erzählte mir, dass Zinn offenbar recht reich und im Reliquienhandel tätig ist. Er habe gerade ein Geschäft erfolgreich abgeschlossen und sei nun auf dem Weg von Iolingus nach Nazar.

Nachdem wir dann noch ein wenig ausgeschlafen hatten, brachen wir dann am darauf folgenden Tag in Richtung Süden auf, einem Pfad nach Iolingus folgend. Nach etwa zwei Tagen ereignete sich am Eingang zu einer Schlucht ein Zwischenfall. Wir fanden dort eine ausgeraubte Karawane, die offenbar dahingeschlachtet wurde, und schreckten auch gleichzeitig ihre Mörder auf. Sie flüchteten direkt durch die Schlucht und ein Mann zog einen der Planwagen in die Enge, kurz bevor er das Zugtier tötete. Damit war uns fürs Erste der Weg versperrt. Jarvena knurrte unverhohlen; sie hatte den Anführer erkannt. Kein geringerer als der uns bereits begegnete Pablo Boraces trieb hier sein Unwesen, ein Mann, wegen dem wir, grob gesehen, überhaupt erst in den Norden Tinors gelangt waren. Mich überraschte nur, dass Jarvena nicht unverzüglich zur Verfolgung ansetzte. Da hätte ich sie anders eingeschätzt. Wie dem auch sei, wir bestatteten die Leichen der glücklosen Händler und ihrer erfolglosen Bewacher ordnungsgemäß und zogen dann weiter in Richtung Süden.
Einen weiteren Tag später, das sollte ich vielleicht kurz erwähnen, trafen wir im Hügelland nahe des Duma auf den Reliquienjäger Pascoag. Dieser wurde gerade von zwei Berglöwen attackiert, die jedoch Reißaus nahmen, als wir ihm zu Hilfe eilten. Wir luden den erschöpften Lethonier natürlich zu uns ans Feuer ein. Als wir ein wenig ins Gespräch kamen erzählte er uns auch den Grund seiner Reise in die Wildnis. Er war unterwegs von Tinor zurück nach Balung, da er offenbar ein Treffen von Mitgliedern des St.Johns-Bundes mit einem reichen Auftraggeber verpasst hatte. Pascoag berichtete, dass für diesen die Gebeine des legendären Uhlum-Ordenskriegers Valerion geborgen werden sollten. Er habe zwar keine Ahnung, was ein Magier – der Auftraggeber – mit den sterblichen Überresten eines Uhlum-Glaubenskämpfers anfangen wolle, doch das Fragen stellen gehöre in solchen Fällen nicht zu seinem Metier. Direkt erinnerte sich Lat-Tschatu an Zinn und berichtete dem Reliquienjäger, dass das Geschäft wohl schon abgeschlossen sei.
Ich halte es für voreilig, solche Zusammenhänge zu sehen, und offenbar war auch Pascoag nicht davon überzeugt, dass es sich bei seinem Auftraggeber um den von Lat-Tschatu beschriebenen Zinn handelte. Ich bin der Meinung, dass es genug verrückte Magier auf der Welt gibt, die in allem möglichen einen Sinn sehen und danach jagen, es würde mich nicht wundern, wenn zwei davon im Kaiserreich Tinor herumziehen.
Am nächsten Morgen zog Pascoag dann weiter nach Osten und wir setzten unseren Weg nach Iolingus fort.

Als wir das Dorf gegen Abend des nächsten Tages erreichten, bot sich uns ein trauriges Bild. Die Siedlung war wohl schon seit Längerem verlassen, die meisten Behausungen bestanden nur noch aus Ruinen. Der kühle Wind blies heulend durch zerstörte Häuser und verlieh der Szenerie etwas Schauriges. Meinen Begleitern scheint dieser Ort auch nicht sehr zu gefallen, sie erscheinen mir irgendwie unruhig. Jedenfalls zogen sie direkt unabhängig voneinander los, die Ruinensiedlung zu erkunden. Aldagrim mussten wir von einem heruntergekommenen Wachturm retten, er war dort durch die Treppe gebrochen und hing hilflos über einem Abgrund. Direkt, nachdem seine Rettung gelungen war, rief uns Jarvena zu sich.
Auf dem Weg, Aldagrim zu helfen, war sie durch eine Falltür eingebrochen und mit dem Fuß hängen geblieben. Die morsche Tür mitten im Boden, innerhalb der Ruinen eines Seitengemäuers, hatte dort ein klaffendes Loch, wo die Amazone hinein getreten war. Aldagrim zog die Tür auf.
Es war schon ein seltsamer Anblick, wie alle um den Schacht herum kauerten und sich niemand wagte, etwas zu sagen. Irgendwie verströmte dieser dunkle Tunnel vor uns ein unangenehmes Gefühl, das einem eine Gänsehaut über den gesamten Körper jagte. Schließlich fasst sich Lat-Tschatu ein Herz, entzündete eine Fackel und warf sie in den Schacht, um den Boden ausfindig machen zu können. Einige Meter unter uns Lag nun die Fackel, aber immer noch wollte niemand den Abstieg wagen, zumal keine erkennbaren Trittstangen, Stufen oder ähnliches in die Wand eingelassen waren. Lat-Tschatu weigerte sich nun sogar, mit diesem Schacht etwas zu tun haben zu wollen. Jarvena schloss sich ihm ziemlich direkt an und wollte das Loch in der Falltür versiegeln. Dazu suchte sie in den Ruinen nach Brettern oder Planken und fand auch just eine gewaltige Holzbohle, auf der sie dann schließlich den dort eingebrannten Schriftzug Vyr 818 fand. Das gab uns erneut Rätsel auf, und während Aldagrim sich noch dafür ereiferte, den Schacht zu untersuchen, schloss Jarvena die Tür und legt das schwere Holzstück darüber.
Wir wendeten uns gerade ab, als ein plötzliches Heulen davon kündete, wie ein starker Luftzug durch den Schacht geblasen wurde, denn immerhin wurde die auf dem Loch in der Falltür liegende Holzbohle hoch in die Luft geschleudert und landete, nun mit dem Schriftzug nach unten weisend, wieder unversehens auf dem Loch. Aldagrim sah dies direkt als Fingerzeig der Götter, dass es den Schacht zu erkunden gelte, doch die anderen waren nun nur noch mehr davon überzeugt, die Finger davon zu lassen. Das erste Mal seit unserer gemeinsamen Reise kann ich hier der Mehrheit ohne zu Zögern zustimmen.
Aldagrim zeigte sich halbwegs beruhigt, als Jarvena zustimmte, ein nahe gelegenes Kellergewölbe nach einem Durchgang in den Schacht zu untersuchen. Außer, dass sie einen Schwarm Fledermäuse aufschreckten und dadurch selbst fast zu Tode erschreckt wurden, fanden sie aber nichts, so dass wir uns mit mulmigem Gefühl zur Nachruhe begaben.
Diese Nacht werden wir wohl so schnell nicht vergessen. Zuerst weckte uns Lat-Tschatu während seiner Nachtwache und berichtete von einem geflügelten Ungetüm, das sich in einen Menschen verwandelt hätte und in den Schacht hinab gestiegen sei. Wir konnten keine Spuren von Leben in der Dunkelheit entdecken, also schliefen wir weiter. In der zweiten Nachtwache, von Jarvena und Grimalda, wurden wir wieder geweckt.
Die Amazone hatte Schritte gehört und kurz darauf gesehen, jedoch blieb es auch genau dabei. In den Staub der Ruinen drückten sich Stiefelspuren ab, die mit einem Mal verschwanden. Jarvena behauptete sogar, dass sie vor Schreck mit ihrem Zweihänder einen Streich direkt über den sich bewegenden Fußspuren geführt hatte, aber nichts passiert sei.
Eine knappe Untersuchung der Falltür brachte nur zu Tage, dass diese in absolut tadellosem Zustand war. Das Holz war fest und frisch, die Beschläge aus Bronze und selbst Jarvena konnte der Falltür mit ihrem Zweihänder keinen Kratzer bringen. Ich versuchte noch, sie einfach zu öffnen, wurde aber durch eine energetische Entladung weggeschleudert. Ich sah noch eine Rune aufleuchten und wieder verblassen, dann lag die Falltür wieder unverändert vor uns.
Wir beschlossen am nächsten Tag, hier nicht zu warten sondern direkt weiter zu ziehen. In den Ruinen war ein Wegweiser zu finden, der uns das Dorf Lombumeau im Norden anzeigte. Wir folgten also dem Bergpfad und begegneten wenig später drei finsteren Männern, die sich als Kopfgeldjäger ausgaben und uns nach Pablo Boraces und Pat Bateman ausfragten. Bereitwillig gaben wir über Pablo Boraces letzten bekannten Aufenthaltsort Auskunft, woraufhin die drei, die sich uns als Loco, Django und Franco vorstellten, auch direkt weiter zogen. Aldagrim fragte die drei noch, ob Lombumeau auch eine Ruine wie Iolingus wäre, was sie verneinten und dann weiter ritten.
Seit wir Iolingus betraten, verfolgte uns unangenehmes Wetter. Es war schwer, voran zu kommen, so erreichten wir die tandarische Siedlung Lombumeau erst einen Tag später als geplant, um unsere Vorräte aufzustocken. Bemerkenswert, dass tandarische Exilanten im Gebirge von Nord-Tinor eine neue Heimat gefunden hatten. Wir kamen ihnen gerade rechtzeitig zu Hilfe, denn das Dorf wurde gerade von Bergwesen angegriffen, die ich noch nie gesehen hatte. Wir konnten sie jedoch relativ schnell besiegen und in die Flucht schlagen. Aldagrim und Jarvena mussten dabei allerdings eingehend verarztet werden, da sie schwere Verletzungen gegen die Monster davongetragen hatten.
Beim anschließenden Mahl in der Dorfschenke kamen wir mit den Bewohnern Lombumeaus recht schnell ins Gespräch und bereitwillig beantworteten sie dem geschwächten Aldagrim seine Fragen. Der Söldner notierte also einen verschwundenen Steinmetz sowie die Grabplünderungen bei einem Schmied, einem Zimmermann und einem Halphas-Priester.
Nach dem Tod des letztgenannten bekamen die Dörfler übrigens Besuch von einem weiteren Priester des Halphas, der ihnen Mitgefühl aussprach und Ersatz von seinem Orden zusicherte. Der traf jedoch nie ein, sondern der Priester des Ashrarn namens Urfeus kümmert sich seitdem um den Gottesdienst.
Erstmals seiner einer Woche konnte ich mich baden und beruhigt in ein Bett fallen lassen. Obwohl draußen ein Gewitter wütete, wie es in den Gebirgsgegenden häufig vorkommt, schlief ich schnell ein und zu meiner Überraschung erstaunlich gut.

Der Beitrag wurde von Medivh bearbeitet: 31.05.2006 - 12:52


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Medivh
Beitrag 23.05.2007 - 18:27
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Einige Tage später erreichten wir West-Marvel. Durch eine Katastrophe, über deren Quelle es geteilte Meinungen gibt, wurde die östliche Hälfte dieses Dorfes einst in einen Krater hinab gerissen und zerstört, so dass nur noch der Rest, der nun West-Marvel genannt wird, erhalten blieb. Dort trafen wir auf die wohl absurdeste Gemeinde im Norden Tinors. Wir quartierten uns im „Inferno“ ein, dem einzigen Gasthaus in den Überresten von Marvel. Da die meisten Einzelzimmer belegt und bezahlt waren, aber keine Gäste hatten, mussten wir wohl mit dem Schlafsaal Vorlieb nehmen.
Später am Abend, als einige von ihren Besorgungen zurückkehrten, rief und Aldagrim zu sich in den überfüllten Schankraum. Er wies dort auf ein kleines Mädchen im Nachthemd, das ihm begegnet sei und das behauptete, von einem bösen Magier gefangen zu sein. Als der Söldner ihr die Frage gestellt hatte, wie es möglich sei, dass sie gefangen sei, aber dennoch hier im „Inferno“ auftauche, lief just einer der … „Gäste“ der Kneipe durch das Mädchen hindurch, offenbar keinerlei Notiz von ihm nehmend. Als wäre das nicht schon Antwort genug erklärte das Mädchen, das sich selbst Francesca nannte, dem Söldner, dass sie in einem magischen Gefängnis stecke, das ihr im Laufe der Zeit offenbar einige ungeahnte Fähigkeiten verliehen habe.
Nach einigem Hin und Her beschlossen wir also, das Mädchen zu befreien. Die geisterhafte Erscheinung führte uns in den eingestürzten Teil Marvels, also hinab in den nur noch aus Trümmern bestehenden Talkessel. Das Wetter arbeitete gegen uns, es war stürmisch und regnerisch, doch davon ließen wir uns nicht abhalten. Der Einsturz Marvels hatte einen Stollen am Hang freigelegt, den wir betraten. Nachdem wir dem unterirdischen Gang eine Weile gefolgt waren, Lat-Tschatu schätzte die Entfernung auf knapp eineinhalb Kilometer, änderte sich das Gesamtbild des Stollens. Er bekam gemauerte Wände und wurde breiter, aber erst etwa einen weiteren Kilometer gelangten wir in den ersten, nennenswerten Raum.
Es war ein Eingang, könnte man sagen. Eine steinerne Rampe führte in der Mitte des Raumes zu einer Schlucht, deren Wände ebenfalls gemauert waren. Der Graben war etwa 5 Meter breit und unermesslich tief, in einer nicht feststellbaren Entfernung unterhalb der Kante des Grabens war eine Plattform zu sehen. Auf der anderen Seite war in der Wand, etwa weitere fünf Meter hinter einem Podest, eine große Tür mit zwei Flügeln eingelassen.
Links und rechts von der Rampe waren, abgetrennt davon, zwei verschiedene Becken eingelassen. In dem Becken links neben der Rampe war klares Wasser zu sehen, rechts neben der Rampe ein Flammenmeer. Jeweils am Ende dieser Becken fand sich ein Podest, in den ein bronzener Hebel eingelassen war.
Lat-Tschatu versuchte, über den Graben zu springen. Zum Glück hatte er sich vorher ein Seil um Brust und Schultern gebunden, an dem wir ihn fest hielten, denn etwa in der Mitte des Grabens prallte er gegen ein bis dahin unsichtbares Kraftfeld, das in allen Farben glühte, als der Carromer es unfreiwillig berührte, und danach wieder verblasste. Es war also anzunehmen, dass der eine Hebel das Kraftfeld ausschaltete und der andere Hebel die Plattform hochfuhr, so dass man ebenerdig von der Rampe zur anderen Seite gehen konnte.
Aldagrim warf ein Stück Geröll in das Wasserbecken. Es versank, verursachte noch einige Wasserringe auf der Oberfläche, das war aber schon alles. Der Söldner glaubte nun, dass kein gefährliches Monster oder ähnliches in dem Becken lauerte. Lat-Tschatus anschließender Versuch, durch das Wasserbecken zu dem Hebel zu waten, wurde im Keim erstickt. Er hatte kaum mit der Fußspitze – er hatte sich vorher seiner Stiefel entledigt – das Wasser berührt, da kroch unnatürliche Kälte seinen Fuß und sein Bein hoch. Glücklicherweise zog er sich schnell genug zurück. Sein Bein war bereits mit Frostkristallen überzogen und fühlte sich eiskalt an. Die Schmerzen mussten unerträglich sein, doch der Carromer biss tapfer die Zähne zusammen und wärmte sein Bein wieder auf.
Aldagrim untersuchte die Wände und fand an der Wand gegenüber dem Flammenbecken einige seltsame Steine in der Mauer, auf die er den Händler hinwies. Lat-Tschatu fiel wenig anderes ein, als einfach mal auf einen Stein zu drücken. Ein größeres Mauerstück glitt zur Seite und offenbarte eine etwa kopfgroße Kammer dahinter, aus dessen rückwärtiger Wand ein schlichter Metallstift ragte. Der Händler zog daran, die Kammer verschloss sich wieder und ein etwa menschengroßes Stück wand glitt diesmal zur Seite, hinter der eine weiter Kammer zu finden war, in der alte, abgetragene Stiefel standen. Lat-Tschatu zog die Stiefel an und hielt einen Fuß über das Flammenbecken. Sofort begann der Stiefel zu schwelen und der Händler zog sich augenblicklich zurück. Offenbar waren diese Stiefel nicht zum Überqueren des Flammenbeckens gedacht sondern, wie Aldagrim bewies, zum Überqueren des tödlichen Wasserbeckens. Der eine Stiefel, den Lat-Tschatu über das magische Feuer gehalten hatte, war jedoch schon beschädigt, so dass Aldagrim einbeinig über das Wasser schlittern musste, was für alle Anwesenden ein lustiges Schauspiel war. Aldagrim betätigte den Hebel und die Plattform fuhr aus der Tiefe des Schachtes hoch.
Lat-Tschatu glaubte, dass bei der Wand gegenüber des Wasserbeckens auch eine Geheimkammer sein müsste, und er hatte Recht. Gleich vier kopfgroße Kammern öffneten sich und in jeder war ein Metallstift zu sehen. Aldagrim zog direkt an dem erstbesten Stift und wurde prompt von aus der Wand hervorstoßenden Steinbolzen verprügelt. Hätte ich nicht zufällig hingesehen, wäre mir das gar nicht aufgefallen, so schnell schossen die Steinarme hervor und zogen sich wieder zurück. Als Jarvena dann auf die Idee kam, dass alle vier Stifte gleichzeitig gezogen werden müssten, zog sie wohl etwas zu früh, denn Aldagrim und sie wurden schon wieder von den Steinarmen schwer getroffen. Schließlich gelang es ihnen und eine weitere Kammer öffnete sich, mit schwarzen Lederstiefeln darin, die fast 70 cm hoch waren. Lat-Tschatu zog sich diese Stiefel an und watete durch das Flammenmeer zu dem Hebel. Er betätigte ihn und kehrte zu uns zurück. Nun waren beide Paar Stiefel wieder verschwunden und die Kammern verschlossen, sie ließen sich auch nicht wieder öffnen, wie der Händler herausfand.
Wir überquerten also die Plattform und öffneten das Tor, halb erwartend, dass irgendeine Falle auf uns lauerte. Doch nichts geschah, außer, dass sich in dem Gang hinter dem Tor die Fackeln wie von selbst entzündeten. Nach etwa 50 Metern wies der Gang rechts und links jeweils eine Tür auf. Lat-Tschatu entschied sich für die rechte Tür, konzentrierte sich kurz und meinte dann, der Raum wäre verlassen bis auf ein drachenähnliches Geschöpf, das jedoch in einem ausladenden Gehege gefangen sei. Aldagrim wollte die Tür bereits öffnen, doch Lat-Tschatu hielt ihn an der Schulter fest.
„Holt vorher tief Luft, damit ihr was zum Ausatmen habt“, ermahnte er uns mit ernstem Gesichtsausdruck, der das Blitzen in seinen Augen, das bei ihm für gewöhnlich nackte Gier bedeutete, nicht verbergen konnte.
Aldagrim stieß die Tür auf und wir hörbar Luft aus. Der Raum war groß und bequem ausgestattet. Mehrere Sitzgelegenheiten waren darin zu finden, ausladende Sofas gleichermaßen wie Stühle an Tischen zum Arbeiten. Einige Bücherständer waren scheinbar wahllos im Raum verteilt, der von einigen dicken Steinsäulen gestützt wurde, die wiederum mit schweren roten Samtvorhängen verkleidet waren. In der Mitte des Raumes war das Gehege eingerichtet, von dem Lat-Tschatu sprach. Es war groß, mit viel Grünzeug bewachsen und ein Brunnen stand in der Mitte, aus dem kontinuierlich klares Wasser sprudelte. Das drachenähnliche Wesen war etwa zweimal so groß wie ein Pferd und hellbraun. Es knabberte an einigen Pflanzen und schenkte uns ansonsten keinerlei Notiz. Die Wände des Raumes waren mit Regalen und Schränken zugestellt, und das war die größte Sammlung von Büchern, die ich jemals gesehen hatte.
Mit einem Grinsen im Gesicht zwinkerte mir Lat-Tschatu zu und begab sich zum erstbesten Regal, wo er versuchte, Bücher zuerst einzusehen und dann einzusammeln.
Unglaublich, was hier an Lesestoff herumstand. Vom „Standardbuch der Zaubersprüche, Band 1-612“ in dreifacher sprachlicher Ausfertigung über „Magische Hieroglyphen und Symbole, Band 1-338“ und „Tausend magische Kräuter und Pilze“ bis hin zu „Liber emeraldis“ war hier fast alles zu finden, was sich in irgendeiner Art und Weise mit Magie beschäftigte, wie schon angedeutet sogar in mehreren Sprachen gleichzeitig. Was mich einigermaßen beunruhigte war die Tatsache, dass ich auch „Das Buch der tausend Freuden“ und „Die verbotenen Bücher des Sinister“ entdeckte, beides verbotene Werke.
Von Lat-Tschatu hörte ich Flüche, die wiederzugeben ich nicht bereit bin, um die Gedanken meiner werten Leser nicht zu verunreinigen. Ein kurzer Blick zu ihm ließ mich lächeln. Er versuchte verzweifelt, ein Buch aus einem Regal zu ziehen, doch stießen seine Hände stets gegen ein Kraftfeld, welches die Bücher schützte. Da wusste wohl jemand seine wertvollen Bücher gut zu schützen; kein Wunder, bei diesen laschen Hindernissen zum Eintreten in diesen Dungeon.
Jarvena fand auf einem der Bücherständer eine Notiz, die sie allerdings nicht lesen konnte. Nach einigem Hin und Her stellte sie jedoch fest, dass Lat-Tschatu die Sprache beherrschte, und dieser las vor. Es handelte sich bei der Notiz um eine Zusammenstellung von Informationen über Chadast, den Goldenen. Das hatte uns gerade noch gefehlt. Ein mächtiger Zauberer, der sich in seiner unterirdischen, bestens gesicherten Bibliothek darüber kundig macht, was Lat-Tschatu für ein Monster freigesetzt hat. Wahrscheinlich war der Mann sogar bestens darüber informiert, wem Nord-Tinor diese Plage vorerst zu verdanken hat.
Jarvena entdeckte schließlich in der bedrückenden Stille hinter einem der Vorhänge einen Hebel und glaubte, dass dieser in Verbindung mit den Kraftfeldern vor den Bücherregalen benutzt werden könne. Aldagrim äußerte allerdings die Vermutung, dass der Hebel auch den Käfig des inzwischen als Lostserken identifizierten, drachenähnlichen Geschöpfes öffnen könnte. Der Söldner zögerte nicht lange und warf, zusammen mit einem Stück Fleisch aus unseren Vorräten, ein Kraut, das er irgendwann gefunden hatte, in den Käfig. Er meinte, das müsste das Tier zum Einschlafen bringen, tatsächlich schlief der Gator auch wenige Minuten nach Verzehr des Fleisches tief ein und Jarvena betätigte den Hebel. Nichts passierte, außer, dass der Brunnen aufhörte, frisches Wasser zirkulieren zu lassen.
Sie stellten noch einige erfolglose Versuche an, an die Bücher zu gelangen, denn selbst Jarvena interessierte sich für einige der Folianten.
Mich beschäftigte immer noch, dass der Zauberer hier selbst die größten Büchersammlungen in mehrfacher sprachlicher Ausfertigung besaß sowie einige der verbotenen Bücher. Auch fiel mir auf, dass es sich hierbei nur um Lektüre handelte, die in irgendeiner Art und Weise mit Magie zu tun hat, seien es nun Abhandlungen oder sogar magische Bücher selbst. Ich habe beispielsweise kein einziges Sprachbuch gefunden oder ein Buch, das sich mit tanarischer Geographie beschäftigt.
Wir verließen also den Raum wieder und wandten uns der anderen Tür zu, die Lat-Tschatu mit dem gleichen Ritual öffnete wie die Tür zur Bibliothek zuvor auch. Darin bot sich uns ein völlig verändertes Bild. Dieser Raum war mit dunkleren Steinen gemauert und nur wenig mit roten Samtvorhängen ausgekleidet. Dafür fanden sich hier Waffen und Rüstungen aller Art, von einer erklecklichen Anzahl von Kampfstäben über stark verzierte Zweihänder bis hin zu Bögen und Armbrüsten fand das Kriegerherz hier alles. Aldagrims geschultes Auge stellte direkt fest, dass die meisten Ausrüstungsgegenstände hier drin Unikate waren, Einzelanfertigungen, die wahrscheinlich sogar magische Fähigkeiten hatten. Sehr zu Lat-Tschatus Bedauern waren auch die Waffenregale und Rüstungsständer durch unerhört starke Kraftfelder geschützt.
Aldagrim zog mich am Arm in die Mitte des Raumes, den Blick nicht von der Decke abwendend. Ich folgte seinen Augen und erstarrte. In der Mitte des Raumes hing ein grünes Banner mit einer runenverzierten Bordüre, und auf dem Banner selbst prangte eine Rune, wie wir sie schon einmal gesehen hatten. In Iolingus, auf der geheimnisvollen Falltür…

Dieser Ort wurde mir immer unheimlicher, ich schätze auch, dass das nicht nur mir so ging. Nachdem meine Begleiter merkten, dass sie auch hier nichts ausrichten geschweige denn mitgehen lassen konnten, zogen sie mit mir weiter, tiefer in die Höhlen. Wir passierten noch einige Türen, entschlossen uns aber dazu, diese nicht zu öffnen, bis wir schließlich am Ende des Stollens an ein größeres Tor gelangten.
Lat-Tschatu musterte die Inschrift über dem Tor und drückte es dann direkt auf, als ich sie selbst gerade vorlesen wollte. „Das Betreten von Bortons Verliesen ist Unbefugten bei Todesstrafe verboten.“ Ein viel versprechender Text, leider nicht auf Tinorisch niedergeschrieben. Deshalb hatte der Händler das Tor direkt geöffnet, damit niemand über die Bedeutung dieses Satzes lange genug nachdenken konnte.
Wir landeten tatsächlich in einem Verlies. In einem gewaltigen Verlies. Die Kreaturen, die dort gefangen waren, spotten jeder Beschreibung, gemeinsam haben sie aber alle, dass sie keinesfalls natürlichen Ursprungs waren sondern verzerrte Versionen der – teilweise – edlen Kreaturen, von denen sie möglicherweise abstammten. Da gab es dreiäugige blaue Riesen, einen vierarmigen Riesen, neunköpfige Hydren, zweischwänzige Manticore, einen gewaltigen Todesdrachen, chaotische Schimären und einige Monster und Kreaturen, deren Name ich nicht einmal kenne oder zu nennen vermag.
Wir umrundeten den mittleren Zellenblock dieser gewaltigen Verlieskammer und gelangten schließlich an eine Einbuchtung, in der, einem kleinen Hügel gleich, eine Erhöhung zu finden war. Darauf selbst war ein Kreuz montiert, an dessen Querbalken wiederum, durch bronzene Metallbänder arretiert, ein Kind hing. Das Kind, das uns bereits im „Inferno“ begegnet war oder sollte ich eher erschienen war sagen? Lat-Tschatu wollte es sogleich befreien, doch Aldagrim hielt ihn zurück und befragte das Kind zuerst. Dabei gab es offenbar Antworten, die dem Söldner nicht gefielen, den Händler jedoch zu überzeugen schienen. Ich selbst kann nicht mitreden, da ich ein mulmiges Gefühl bei der Sache hatte und just, als ich mich einmischen wollte, bemerkte, dass ich zu keiner Bewegung geschweige denn zum Sprechen fähig war. Verzweifelt hoffte ich, es würde meinen Begleitern auffallen oder sie würden zumindest davon absehen, das zu befreien, was auch immer dort gefangen war, doch wie so oft sollte ich mich in ihnen täuschen. Lat-Tschatu und Aldagrim gerieten offenbar in eine Art Diskussion, in deren Verlauf der Carromer einfach den Zweihänder der völlig überrumpelten Jarvena ergriff und die bronzenen Fesseln zerschlug.
Was dann passierte, könnte glatt einem Albtraum entsprungen sein. Vor uns wuchs das Kind zu einer Größe von drei Metern heran und veränderte sich. Die Kreatur trug einen schwarzen Plattenpanzer und etwa ein Dutzend dunkelbraune Tentakel sprossen aus ihrem Rücken. Unter der schwarzen Kapuze konnte man nichts erkennen bis auf ein Paar rot glühender Augen. Sie streckte sich, als hätte sie einen langen Winterschlaf hinter sich, und reckte ihre Hand in Richtung einer Wand, aus der ein Zweihänder heraus brach, der so lang war wie ich selbst, und direkt in ihre Hand flog. Die Kreatur atmete tief ein und wieder aus. Unfähig, irgendetwas zu tun, starrten wir sie nur an. Schließlich sprach sie zu uns, in einer tiefen, sonoren Stimme, mit einem eiskalten Unterton, wie Nadelstiche ins Herz. Alleine bei dieser Stimme wurde mir angst und bange, und als er uns für seine Freilassung dankte, wusste ich, dass wir einen schweren Fehler begangen hatten.
Nur, weil wir ihn befreit und so belustigt hätten, würde er uns eine bessere Chance zu Überleben geben, als gegen ihn zu kämpfen und von ihm getötet zu werden, sagte die Kreatur. Mit einem höhnischen Grinsen, das wir mehr fühlen als sehen konnten, streckte die Bestie die Hand aus, woraufhin sich alle Verliestüren öffneten. Weil wir immer noch wie angewurzelt da standen, beugte sich die Kreatur zu uns herunter und brummte nur „Lauft!“
Ich glaube, noch nie in meinem Leben bin ich so gerannt.

Ich weiß nicht mehr, wie wir es geschafft haben. Das alleine grenzte schon an ein Wunder, oder nun eben gleich an acht Wunder, für jeden von uns eines. Ich erinnere mich verschwommen daran, vor der sadistischen Kreatur in Richtung Ausgang geflohen zu sein, an den ersten aus ihren Gefängnissen strömenden Monstern vorbeischlängelnd. Ich sah, während ich Keulenhieben, Dornen und Tentakeln auswich, Schläge parierte und selbst austeilte, die Flügeltür auffliegen und einen Mann in Robe schnellen Schrittes eintreten, der mit gezielten magischen Entladungen einige Kreaturen aus unserem Weg räumte und in verkohlte, schwelende Häufchen Asche verwandelte.
Der Todesdrache tötete etliche der freigelassenen Kreaturen innerhalb weniger Augenblicke und belebte sie zu seinen Zwecken wieder, woraufhin der wohl chaotischste Kampf entbrannte, den ich je gesehen hatte.
Ich kann mich nur noch verschwommen an die folgenden Ereignisse erinnern, doch was ich niemals vergessen werde, sind die Geräusche des Kampfes zwischen der Kreatur und dem Robenträger, das unmenschliche Gekreische, das Klirren von unheiligem Stahl auf Stein und den Entladungen mächtiger Zauber. Aldagrim hatte sich in den Kampf mit einer mehrköpfigen Hydra geworfen, die uns den Weg verstellt hatte. Tatkräftig unterstützten wir ihn, während die Kreaturen um uns herum sich gegenseitig zerfleischten.
Nachdem es Aldagrim während des nervenaufreibenden Kampfes gelungen war, den knochigen Brustkorb der Hydra zu durchdringen und ihr einen tödlichen Streich beizubringen war es ein leichtes, das Monster zu erledigen. Die übrigen Bestien hatten sich derweil selbst stark dezimiert. Gerade, als sich der Todesdrache vor uns erhob und giftige Dämpfe aus seinen verrotteten Nüstern quollen, riss die Kreatur von scheinbarer Panik erfüllt die trüben Augen auf und zerfiel daraufhin in einen Haufen lebloser Knochen.
Der Kampf war vorbei.
Wie lange hatte er gedauert? Sekunden? Minuten? Mir kam er vor wie Stunden. Ich sitze nun hier am Lagerfeuer, außerhalb von West-Marvel, und mir scheint es, als weise mein Gedächtnis für diese Augenblicke starke Lücken auf, so dass ich alles nur bruchstückhaft wiederzugeben in der Lage bin.
Ich erinnere mich noch daran, dass hinter dem Haufen Knochen, der vor wenigen Augenblicken noch der Todesdrache gewesen war, die Gestalt in der Robe auftauchte. Die Kapuze war verrutscht und wir konnten ein zornesrotes Gesicht erkennen, das sich als das von Meldor, dem unscheinbaren, alten Händler entpuppte. Er stauchte uns zusammen, was uns einfiele, gesperrtes Territorium zu betreten, sämtliche Warnungen zu missachten und auch noch die Kreaturen zu befreien. Er schrie uns an, wir hätten mit diesem letzten Kampf einen Kreis durchbrochen, der niemals hätte durchbrochen werden dürfen. Er tobte und fluchte wie ein Wahnsinniger und scheuchte uns hinaus, während er sich an die Brust griff, scheinbar zusammensank und immer noch Funken aus seinen Fingerspitzen stoben.
Während ich noch zusammen mit den anderen betrübt, geschockt und traumatisiert das Weite suchte, kam mir der Gedanke, dass Meldor plötzlich etwas älter aussah als wir ihn kennen gelernt hatten.
Müde, abgekämpft und desorientiert kamen wir wieder in West-Marvel an. Wir packten schon bald unsere Sachen und reisten, nach kurzer Erholung ab. Schweigend. Niemand traute sich so recht, über die verstörenden, vergangenen Ereignisse zu reden. Ich versuchte, für mich selbst die Geschehnisse zu rekapitulieren. Wir waren in einen „Dungeon“ eingedrungen, haben einige Hindernisse umgangen, etliche große Räume mit Arsenalen von Büchern und Waffen entdeckt und anschließend ein Gefängnis, wo uns eine unbekannte, grausame Kreatur dazu überredet hatte, sie zu befreien, woraufhin die Hölle ausgebrochen ist, zumindest in jenem Verlies. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn dieses Wesen an die Oberfläche gelangt wäre. Was auch immer es war, möglicherweise hätte es sich als eine noch größere Bedrohung erwiesen als der ebenfalls von uns erweckte Chadast.
Einige sehr schweigsame Tage später erreichten wir Benkadi, ein kleines, dünn bewohntes Bergdorf.
Dort wurde gerade bei unserer Ankunft ein Engelsurteil durchgeführt, eine Praktik, die ich für moralisch fragwürdig halte. Selbst einige Theologen zweifeln die Aussagekraft eines Engelsurteils an. Nun, Lucian jedenfalls, der mit diesem sich bietenden Szenario nichts anzufangen wusste, fragte einen Zuschauer, was dort los sei. Dieser wollte unserem Wolfsmenschen gerade antworten, als er plötzlich in panisches Geschrei ausbrach und die Menge zügig mit sich riss. Während die Dorfbewohner noch ihr Heil in der Flucht suchten, hielten wir nach dem Grund dafür Ausschau, die Waffen gezogen und kampfbereit. Plötzlich wurden wir mitten in unserer Reihe einer abscheulichen Kreatur gewahr, eines Geschöpfes, das einem ungesund grünen, ekelhaften Troll in menschlicher Größe glich, einem Ghoul. Als Aldagrim zum Schlag ausholen wollte, hielt der Ghoul abwehrend die Hände hin.
„Bist du noch ganz dicht, deine Kameraden anzugreifen? Ich dachte, das hättest du in der Wüste hinter dir gelassen!“
Aldagrim ließ die Waffe wieder sinken und auch wir anderen erstarrten mitten in der Bewegung.
„Lucian?“
Grimaldas Frage klang ebenso ungläubig, wie sie von jedem anderen von uns geklungen hätte. Doch die Kreatur richtete sich erbost auf und maulte:
„Wer denn sonst? Habt ihr alle einen Stich oder was? Bekommt euch die Höhenluft nicht?“
Die Hexe hob beschwichtigend die Hände und bedeutete der Lucian-Kreatur, abzuwarten, während sie selbst in ihrer Umhängetasche kramte. Der Waldmensch, der uns erneut mit einer neuen Gestalt überraschte. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Zuerst verwandelte er sich vor unseren Augen in einen Werwolf und zerfetzte ohne Probleme unsere Gegner, dann erschien er in einer untoten Gestalt und sorgte dafür, dass wir uns bei einfacher Bevölkerung richtig unbeliebt machten.
Lucian starrte ungläubig auf den Spiegel, den Grimalda ihm herausgekramt hatte. Er stammelte:
„Das ist ja … das … also … wow! Wie hab ich das denn gemacht??“
Freudig betrachtete er sich von allen Seiten und versuchte, seiner Gestalt mit grunzendem, keuchendem Stöhnen mehr Eindruck zu verleihen. Lat-Tschatu wies ihn gerade darauf hin, dass das nicht sonderlich witzig sei sondern ernsthafte Probleme mit sich führen könne, wenn er sich mitten in einem Dorf oder gar einer Stadt in einen Ghoul verwandeln würde, als Lucian auch schon wieder ohne Vorwarnung seine normale, menschliche Gestalt annahm. Sichtlich enttäuscht gab er Grimalda den Spiegel zurück.
Während wir noch völlig ratlos auf dem Dorfplatz standen und das Ereignis, welches nicht länger als einige Minuten gedauert hatte, zu ergründen versuchten, wagten sich die Dorfbewohner nach einiger Zeit langsam wieder auf den Platz. Unnötig zu erwähnen, dass das Engelsurteil, dem niemand mehr Beachtung geschenkt hatte, zu Ungunsten des Verurteilen ausfiel. Friede seiner Seele.
Einer der Bauern fragt uns, ob die Abscheulichkeit weg wäre, ob wir sie besiegt hätten. Lat-Tschatu witterte sofort eine Gelegenheit für Vergünstigungen und versuchte, den Mann davon zu überzeugen, dass wir die Kreatur in einem kurzen, aber heftigen Kampf restlos vernichtet hätten und unter Aufbringung all unserer Kräfte dafür sorgten, dass das Wesen das Dorf nie wieder gefährden würde. Ich rollte bereits mit den Augen über diesen nicht sonderlich glaubwürdigen Versuch, möglicherweise nur um eine warme Mahlzeit zu pokern, doch da wurde ich darauf aufmerksam, dass Lat-Tschatu noch während seines Redeschwalls verblasste. Damit meine ich nicht, dass seine dunkle Hautfarbe heller wurde, tatsächlich war der Fall, dass der Händler nach und nach durchsichtiger wurde und plötzlich komplett verschwand, während er noch weiter sprach.
Selbstverständlich rief dies wieder das panische Geschrei der Dorfbewohner hervor, die erneut flüchteten und über schwarze Hexerei klagten. An Lat-Tschatus stockenden, fragenden Tonfall, mit dem er seinen Redefluss abbrach, konnte ich erkennen, dass er keine Ahnung hatte, dass er offenbar der Grund für diesen erneuten Panikausbruch war. Er war nicht verschwunden, aber tatsächlich unsichtbar.
Was geschieht nur mit uns?
Nachdem wir den Händler über seinen Zustand aufgeklärt hatten und dieser ihn anhand der gleichen Beweise, wie sie Lucian erfahren hatte, auch glaubte, fassten wir schweren Herzens den Beschluss, dass wir in Benkadi kaum Aussichten hatten, noch ein normales Gespräch mit den Dorfbewohnern führen zu können.
Lat-Tschatu überlegte noch laut, was er aus diesem Zustand für einen Nutzen ziehen könne, als er auch schon langsam wieder sichtbar wurde, mit einem bekannten und unangenehmen Glanz in den Augen, während er sich die Hände rieb. Ich wies ihn direkt darauf hin, dass er sich diese Gedanken aus dem Kopf schlagen könne und sich auch gar nicht erst gierig die Hände zu reiben brauche, woraufhin er sich direkt beklagte, dass er ja nicht einmal die Wirkungsdauer dieses Zustandes einschätzen könne, was die Sache sowieso viel zu unberechenbar machen würde.
Als wir uns also nach einigen Kommunikationsproblemen mit Vorräten eingedeckt hatten, zogen wir weiter in die Wildnis. Jarvena schlug vor, eine größere Stadt aufzusuchen, um bei Heilkundigen oder gleich im Hazel-Tempel prüfen zu lassen, was mit Lucian und Lat-Tschatu los sei. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen, sogar von Aldagrim, und so machten wir uns auf den Weg nach Nazar, da diese Stadt am nächsten lag.

Ein besonders seltenes Erlebnis hatten wir allerdings noch auf dem Weg dorthin. Ich meine damit jedoch nicht das Auftauchen eines tanzenden Skelettes am Horizont, worauf Benni und Lat-Tschatu schworen, sondern unsere Begegnung mit dem Vertreter einer sehr seltenen Kriegerkaste, einem Schwertmeister aus dem Fernen Eran. Der weiß gekleidete Mann, der uns mitten in der Wildnis begegnete, hatte ein Lagerfeuer entfacht und machte es sich für die Nacht gemütlich, vorausgesetzt, man kann bei den kargen Bedürfnissen eines Schwertmeisters von Gemütlichkeit sprechen. Wir wechselten einige Worte mit dem Mann, der dem Ruf des Warlock folgte und sich uns als Shell vorstellte. Er lud uns zu sich ans Lagerfeuer ein und wir tauschten Geschichten und Neuigkeiten aus. Er erzählte uns von wandelnden Toten im hohen Norden, was wir mit betretenen Blicken quittierten. Chadast marschierte bereits.
Wir erzählten ihm auch einige Geschichten, denen wir bisher begegnet sind, ließen dabei aber unsere Beteiligung an der Inquisition in Lethon, der Erweckung des Goldenen sowie an den Geschehnissen im Krater von Marvel gekonnt aus. Als wir gerade Erzählungen über die Untoten austauschten, meint Shell, irgendetwas würde gerade hier auch verrottet riechen. Tatsächlich, als er es erwähnte, wurde ich des Geruches auch gewahr, ebenso wie meine Begleiter. Die Ursache war schnell festgestellt: Unserer Amazone Jarvena vermoderte die Kleidung direkt am Leib.
Ihr Gewand wurde faserig und schimmelig, fleckig und löste sich an einigen Stellen auf, hing schließlich in Fetzen von ihr herab. Das Gleiche galt für ihre Schuhe. Ausnahmslos alles bis auf ihre Rüstung und ihren Zweihänder verfaulte und verrottete, als wäre die Ausrüstung bereits Jahrzehnte alt und ungepflegt. Erschrocken sorgte sie sofort für ihre Ersatzkleidung und auch wir waren uns ratlos. Möglicherweise hing dies mit Lat-Tschatus und Lucians Zustand zusammen. Wir konnten nur Vermutungen anstellen und auch Shell konnte uns nicht helfen, da er sich auf diesem Gebiet nicht so gut auskannte wie in der Waffenkunst.

Einige Tage später erreichten wir schließlich erneut Nazar. Hier verließ uns Grimalda, nachdem sie eine Eule mit einer Botschaft erreicht hatte. Offenbar war das so eine Sache von ihrem Hexenzirkel, was keinerlei Aufschub bedeutete und noch wichtiger war als die Rätsel, denen wir auf der Spur waren. Ich werde die junge Hexe vermissen, sie war immer zu Scherzen aufgelegt und ebenso gut gelaunt wie fähig. Sie versprach mir jedoch, den Kontakt aufrecht zu halten. Alleine schon unsere beiden Falken würden sich mit Sicherheit irgendwie finden. Keine Ahnung, wie sie das anstellen will, aber sie hat bereits oft erstaunliche Fähigkeiten bewiesen.
Ich bin mir sicher, dass es nicht an Grimaldas Abtritt lag, aber es ging mir nicht besonders gut, offenbar plagte mich eine Krankheit. Ich konnte kaum Nahrung bei mir behalten, bekam fast sofort Durchfall davon. Ich musste nahezu das Dreifache essen, um etwas zu behalten und satt zu werden.
Ich nutzt also die Gelegenheit, als Jarvena zusammen mit Lucian und Lat-Tschatu den Hazel-Tempel aufsuchten, um mich ebenfalls nach dem Zustand meiner Krankheit zu erkundigen. Was ich dort erfuhr, kam zwar unerwartet, überraschte mich jedoch bei genauerer Überlegung nicht im Geringsten.
Die Priester, auf ihrem Gebiet sehr bewandert, stellten zügig unser Problem fest, allerspätestens jedoch, als sich Lucian direkt vor ihren Augen ungewollt in ein Geisterwesen verwandelte, seine kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten jedoch weiterhin behielt. Die Männer und Frauen Hazels teilten uns mit, dass unser Zustand die Folge von Flüchen wäre. Diese seien, speziell auf meinen unangenehme Situation zugeschnitten, nicht gesundheitsgefährdend oder würden uns körperlich zu sehr beeinträchtigen, sondern offenbar einfach nur lästig. Und in Anbetracht dessen, dass sämtliche Versuche, die Flüche zu neutralisieren, scheiterten, kamen die Priester zu dem Schluss, dass wir von einem sehr mächtigen Wesen verflucht wurden. Irgendwie habe ich auch schon eine ungefähre Ahnung, wer damit gemeint sein könnte. Um die Flüche zu brechen, müsste uns entweder ein mindestens ebenso mächtiger Zauberer davon befreien oder wir müssten eine erkleckliche Anzahl Priester, Hexen oder Magier zu einem Ritual zusammen rufen. Meines Erachtens war beides nahezu ein Ding der Unmöglichkeit.
Wir sammelten uns also in der Herberge, in der wir untergekommen waren. Dort traf ich übrigens wieder auf Gaeriel, die junge, hübsche Alchimistin von Nazar, für die ich einst ein alchemistisches Traktat übersetzt hatte. Nachdem wir die anderen über unseren Zustand informiert hatten und die Vermutung äußerten, dass sie ebenfalls unter Flüchen zu leiden hatten, die sich eventuell noch manifestieren würden, war die Stimmung recht gedrückt. Aldagrim sprach schließlich aus, was einige von uns insgeheim bereits geahnt hatten: Meldor, der alte Mann, der sich uns als einfacher Händler vorstellte und den wir später im Krater von Marvel als überaus mächtigen Zauberer kennen gelernt hatten, war aller Voraussicht nach für unsere Flüche verantwortlich. Bedrückt gingen die Meisten ins Bett.
Wenig später stürmte jedoch Jarvena völlig aufgeregt wieder in den Schankraum. Nachdem Grimalda uns verlassen hatte, belegte Jarvena als einzige Frau alleine ein Zimmer, und darin hatte sie eine beunruhigende Nachricht gefunden. Die Mitteilung, die ebenso kurz wie bedenklich war, wurde ihr von Kristina Farga irgendwie im Zimmer hinterlassen. Jene Ordenskriegerin, die nicht nur hübsch und weltgewandt, sondern auch talentiert im Umgang mit Waffen und Magie war, teile uns verbittert den Tod Meldors mit und riet uns drohend, ihr nie wieder in einem ungünstigen Augenblick über den Weg zu laufen. Wir hätten keine Ahnung, welch schwerwiegende Konsequenzen Meldors Tod und die Unauffindbarkeit seines Erben habe. Diese Drohung war mehr, als Jarvena ertragen konnte. Fast in Panik rief sie die anderen wieder aus ihren Zimmern und umgehend berieten wir uns, natürlich ergebnislos. Was gab es auch schon zu beraten? Kristina Farga war uns wahrscheinlich bereits seit Lethon wie ein Schatten gefolgt, es war uns weder gelungen, sie zu entdecken, noch sie los zu werden. Sie konnte es mit zwanzig Attentätern aufnehmen und war in der Lage, völlig ungesehen in Jarvenas Zimmer einzudringen und bis auf die Nachricht ohne Spuren zu hinterlassen auch wieder zu verschwinden. Wie bekämpft man, falls nötig, einen Schatten, der einem wahrscheinlich den Tod wünscht?
Ich ging übrigens davon aus, dass meine Begleiter vorrangig auf die Idee kommen würden, Meldor zu finden und sich mit ihm auszusöhnen, um die Flüche wieder los zu werden. Diese unausgesprochene Idee wurde aber durch Kristinas Nachricht gründlich gestrichen, was die Stimmung weiter drückte. Schließlich wurden ihnen nun klar, dass ihnen die Möglichkeit, Meldor oder – von meinem Standpunkt aus sehr unwahrscheinlich – einen mächtigeren Zauberer zu überreden, die Flüche zu brechen, verwehrt blieb. Resignierend gingen bis auf Benni und mich nun alle zu Bett.
Ich unterhielt mich noch ein wenig mit Gaeriel. Sie musste ein ausgesprochen gutes Gehör haben, denn sie fragte mich ohne Umschweife nach meinem fluchbedingten Zustand. Ich berichtete ihr auch sorgenvoll davon, und sie war der erste Mensch, dem ich davon erzählte, wie es dazu überhaupt kam. Ich hatte so ein Gefühl, dass ich ihr vertrauen konnte. Immerhin hatte sie auch mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln damals versucht, Vanwahenions Leben zu retten, als Grimaldas Falke mit dieser Botschaft bei ihr eintraf. Leider war die Entfernung zwischen Nazar und Zendar einfach zu groß und der Vertraute der Hexe schaffte es trotz einer alchemistischen Erhöhung der Fluggeschwindigkeit einfach nicht mehr rechtzeitig.
Die junge Frau sprach verständnisvoll mit mir und äußerte ihr Unbehagen bezüglich der Ereignisse um Chadast und Meldor. Sie erwähnte, den Alten flüchtig gekannt zu haben, er habe ihren Laden ab und an besucht. Auch sie habe von der Macht, die er verbarg, nicht einmal einen Hauch geahnt, glaubte aber, dass er früher sicher viel erlebt haben muss, um so viel zu sammeln. Immerhin war er seit Jahren durch Nord-Tinor gezogen und hatte seine Besitztümer verkauft. Eines davon trug ich am Leib.
Auf seine Rolle in Angesicht dieses gewaltigen Dungeons konnte sich auch Gaeriel keinen Reim machen, versprach mir aber, eine Mixtur herzustellen, die ich gegen geringes Entgelt erhalten konnte. Dieses Rezept würde mir helfen, meinen unangenehmen Fluch zumindest körperlich etwas in den Griff zu bekommen. Bis spät in die Nacht sprach ich noch mit der netten Frau, an die ich mich fast gewöhnen könnte. Aber nur fast. Wir sind immerhin einem Geheimnis auf der Spur, das uns mehr als nur beschäftigt. Bevor sie die Taverne verließ, riet sie uns noch, in den Tempeln von Cafalos um Hilfe zu bitten, die Priester dort wären Heilkundige, deren Ruf in der Umgebung ausgezeichnet sei.
Dies schlug ich, nach einem kurzen Einkauf bei Gaeriel, meinen Begleitern am nächsten Morgen auch vor und sie erklärten sich einverstanden damit, obwohl Jarvena darauf bestand, die Residenzstadt Tellur nicht aus den Augen zu verlieren, um dort Nachforschungen anzustellen, was in einer solchen Stadt wohl sinnvoller und ergiebiger sei als in den Dörfern der Umgebung. Wir gingen also auf einem Handelsschiff in Nazar an Bord und reisten den Duma hinab nach Cafalos. Die Reise war nicht gerade günstig, doch wir nutzten die Zeit, um ein wenig unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten zu schulen. Lat-Tschatu konnte ich bei einigen Gesprächen mit Benni belauschen. Offenbar machte der Söldner dem Händler klar, dass er ihm das, was Lat-Tschatu gefordert hatte – was auch immer – nicht beibringen konnte aus verschiedenen Gründen. Gemeinsam erkundeten sie die Möglichkeiten des Händlers, wobei mir definitiv zu oft das Wort „Magierakademie“ fiel. Harren wir der Dinge, die uns erwarten mögen.

In Cafalos angekommen organisierte Jarvena wie übliche eine Unterkunft, bevor wir uns zum Tempel begaben. Hier konnten wir eine ganze Klosteranlage finden, die Halphas geweiht war. Nach eingehenden Untersuchungen konnte uns der Abt, Dyrandil Mocaria, jedoch nicht weiter helfen als uns Amulette anzufertigen, welche irgendwie die Auswirkungen der Flüche einen gewissen Zeitraum lang zumindest eindämmen konnten. Er erzählte uns dabei irgendetwas von magischen Ladungen und so weiter, was ich sowieso nicht verstehen konnte, wies uns aber auch darauf hin, dass die dunkle Magie der Flüche außerordentlich stark sei und es daher geschehen könne, dass die Amulette weitaus schneller aufgebraucht seien als geplant.
Wir hatten übrigens nach und nach herausgefunden, wer mit welchem Fluch belegt war. Lucians Fluch, der sich zuerst manifestiert hatte, äußerte sich darin, dass er zu ungünstigen Gelegenheiten die äußere Erscheinung verschiedener Untoter annahm. Dem Wolfsmenschen bereitete dies ein gewisses Vergnügen, doch die Auswirkungen davon waren auf die jeweilige Situation bezogen manchmal fatal, beispielsweise bei Händlern oder Stadtwachen. Lat-Tschatus Fluch ließ den Händler unsichtbar werden, sobald er eine Lüge dazu verwenden wollte, einen Vorteil für sich heraus zu schlagen oder eine unangenehme Situation abzuwenden. Willkürliche Lügen, um Unsichtbarkeit herbei zu führen, hatten nach etlichen Feldversuchen des Händlers zum Glück keinen Effekt. Nicht auszudenken, was das Schlitzohr damit anfangen würde. Jarvenas nicht-magische Ausrüstung, die sich unmittelbar bei sich trug, verfaulte und verrottete innerhalb eines Zeitraums von 12 Tagen, was der erste Fluch war, der direkte, zum Glück aber größtenteils geringfügige, Kosten mit sich trug. Alle paar Tage musste Jarvena neue Kleidung kaufen, so lange es ihr möglich war, Rucksack und Umhängetasche auf dem Wagen oder am Sattel zu deponieren. Sie kam später auch auf die Idee, einige Ausrüstungsgegenstände mit irgendwelchem alchemistischen Zeug zu behandeln, was den Verfall verhindern würde. Aldagrim konnte, wenn es zu Kampfsituationen kam und er dem Kampf mit großem Unbehagen begegnete, eine ziemlich große Strecke sehr schnell laufen zurücklegen, möglichst weit von dem Kampf weg. Zumeist musste der Söldner dort völlig ausgelaugt mehrere Minuten verharren, um wieder zu Atem zu kommen. Dies stellte uns vor Probleme, da wir selten in einem Kampf auf die Waffenfertigkeiten des ausgebildeten Söldners verzichten konnten. Leonardo hingegen wurde eine Art Natur-Zentrum. Etliche Tiere, vornehmlich Kleintiere, folgten dem jungen Heiler auf Schritt und Tritt, was uns in Städten oft vor unangenehme Situationen stellte, beispielsweise in Herbergen. Es war allerdings auf eine gewisse Weise belustigend, dem ansonsten so tierlieben und naturverbundenen Leonardo dabei zuzusehen, wie er manchmal resignierend tief ein- und ausatmen musste, um nicht die Geduld mit einigen der kleinen Kuscheltiere zu verlieren. Benni selbst litt unter plötzlichen Anfällen von Platzangst und meinen Fluch habe ich bereits beschrieben. Womit Grimalda belegt wurde werden wir vielleicht nie erfahren, aber da sie auf dem Weg zu ihrem Hexenzirkel war, hatte sie von uns allen wahrscheinlich die beste Möglichkeit, ihren Fluch zu brechen.
Gegen Abend trafen wir dann alle wieder in der Herberge ein, nachdem jeder seinen eigenen Angelegenheiten nachgegangen war. Zumindest alle außer Jarvena. Die Amazone war plötzlich unauffindbar. Lat-Tschatu und Benni, die auf dieses Thema angesprochen beide schuldbewusste Blicke austauschten, erklärten zwar, dass sie kurz mit Jarvena unterwegs waren, wollten aber nicht näher darauf eingehen und behaupteten auch, nichts über den derzeitigen Aufenthalt der Amazone zu wissen. Lat-Tschatu deutete kurz an, dass sie wohl die Nacht alleine verbringen würde, etwas Zeit für sich nehmend. Sollte sie morgen Mittag nicht wieder hier sein, werde ich sie suchen gehen.
Während wir am nächsten Morgen damit beschäftigt waren, die Nachforschungen, die uns in letzter Zeit zu schaffen machten, nun auch in Cafalos anzustellen, kehrte Jarvena zum Glück wieder zurück. Sie wich jedoch sämtlichen Fragen aus und hielt sich missmutig im Hintergrund. Irgendetwas ist ihr widerfahren, doch sie wollte nicht darüber sprechen. Ich werde wohl warten müssen, bis sie dazu bereit ist.
Nachdem unsere Nachforschungen auch hier das sich allgemein abzeichnende Bild bestätigt hatten, entschlossen wir uns nun dazu, Jarvenas altem Vorschlag zu folgen und in der Hauptstadt Tellur weitere Fragen zu stellen. Auch wenn ich nicht glaube, dass uns das großartig voran bringen wird, wollten die anderen dem Hinweis folgen, dass Tellur die zuständige Stadt sei, in der die großen Fälle von Kriminalität verwaltet werden. Ich glaube zwar, dass da der Bürger, der meinen Begleitern diese Information hat zukommen lassen, etwas falsch verstanden hat, aber Jarvena wollte sich davon nicht abbringen lassen. Wahrscheinlich führt die zuständige Stelle in Tellur, sollte es sie überhaupt geben, die von uns verfolgten Fälle von Grabschändungen, Morden und Entführungen nicht einmal.
Lat-Tschatu wies uns jedoch an, mit dem Aufbruch noch ein wenig zu warten. Wenig später stieß Zinn zu uns, jener Magier, dem wir bereits auf dem Friedhof von Ugerion begegnet waren. Grinsend erklärte uns der Händler, dass Ewaldor Zinn vom Kampfkonzil zu Cafalos nun sein neuer Mentor sei und uns einige Zeit begleiten würde. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Jarvenas Blick nach zu urteilen wusste sie davon jedoch schon, was wahrscheinlich ihre Laune erklärte. Immer noch undeutbar missmutig ritt sie in einem unübersehbaren Abstand hinter Lat-Tschatu und Zinn, als wir aufbrachen.
Unsere Reise nach Tellur ist knapp zusammen gefasst. Wir benötigten etwa 30 Tage, da wir recht zügig ritten und bei gutem Wetter auch relativ gut vorankamen. Wir machten in den Dörfern und Städten auf der Nord-West-Handelsstraße nur Rast, um unsere Vorräte aufzufrischen und gelegentlich noch einige Nachforschungen anzustellen, deren Ergebnisse wir uns sowieso mittlerweile schon denken konnten. Nur einmal wurden wir von einer Räuberbande angegriffen, die uns für leichte Beute hielt. Zu Jarvenas Enttäuschung handelte es sich hierbei nicht um die Bande von Pablo Boraces und zu Aldagrims Enttäuschung war diese Bande noch nicht berühmt-berüchtigt genug, um ein Kopfgeld zu erzielen.


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Beschreibungstext für den Würfelwurf

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Vereinfachte Darstellung Aktuelles Datum: 16.09.2019 - 17:02
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